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Kommentar Freiheit und Haß

09.05.2006 ·  Nüchterne Bilanzen vermitteln oft den Eindruck, alles sei unter Kontrolle. Auch die Aufstellung, wie sich innerhalb eines Jahres extremistische Tendenzen entwickelt haben, mutet zunächst einmal undramatisch an.

Von Helmut Schwan
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Nüchterne Bilanzen vermitteln oft den Eindruck, alles sei unter Kontrolle. Auch die Aufstellung, wie sich innerhalb eines Jahres extremistische Tendenzen entwickelt haben, mutet zunächst einmal undramatisch an. Allerdings enthält ein Verfassungsschutzbericht, wie ihn der hessische Innenminister präsentierte, Hinweise zwischen den Zeilen. Bouffiers Mahnung lautet: Hessen ist auf der Weltkarte möglichen islamistischen Terrors nicht ausgespart, das „Umfeld“ wächst besorgniserregend.

Aus dem glücklichen Umstand, bisher von Anschlägen verschont worden zu sein, läßt sich nichts schlußfolgern. Weder ist das ein Indiz dafür, Fanatiker schreckten auch künftig vor einem Anschlag in der Mitte Europas zurück, noch erhöht es die Wahrscheinlichkeit, daß ein solcher näher rücke. Es gehört zur perfiden Strategie der meist autonom agierenden Mitglieder des Netzwerkes Al Qaida, zuzuschlagen, wenn niemand damit rechnet.

Sicherheit bei der WM

Ein Attentat bei der Fußball-Weltmeisterschaft erscheint nach dieser Logik und angesichts der enormen Schutzvorkehrungen unwahrscheinlich, aber vielleicht sehen „Gotteskrieger“ gerade eine solche Stimmungslage als Gelegenheit, die Planspiele von Polizei und Verfassungsschützern abermals ad absurdum zu führen.

Sicherheit, das hat der Verfassungsschutzbericht einmal mehr deutlich gemacht, muß sich eine Demokratie im Spannungsfeld der Werte ständig aufs neue erarbeiten. Es gilt genau zu unterscheiden zwischen der Freiheit der Religion und den sich in ihrem Schatten radikalisierenden „Gegenwelten“, wie es Bouffier nannte. Islamische Gemeinden und Organisationen können beanspruchen, daß Staat und Gesellschaft ihren Glauben und die daraus folgenden Lebensformen respektieren.

Vertrauensarbeit

Um so mehr müssen sie sich selbst darum bemühen, Fanatismus unter dem Deckmantel der Religion zu verhindern. Die Erkenntnisse aber mehren sich, auch in Deutschland, auch in Hessen würden Haß und Gewalt gepredigt.

Integration ist vor dem Hintergrund der weltweiten Bedrohung, deren Verästelungen bis ins eigene Umfeld sich weiterhin nur erahnen lassen, noch schwieriger geworden. Wer ein friedliches Miteinander wirklich will, muß mitarbeiten - am gegenseitigen Vertrauen.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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