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Kommentar : Freier Geist

Salman Rushdie: Der Schriftsteller konnte nur unter enormen Sicherheitsbedingungen auftreten. Bild: Frank Röth

Der Sicherheitsaufwand für den Auftritt des indisch-britischen Autors Salman Rushdie war enorm. Der Auftakt war richtig - für die freie Rede, für die Unabhängigkeit des Denkens und für die Vielfalt der Sichtweisen. Ein Kommentar.

          Auf den Inhalt kommt es an. Und darauf, ihn zu einem angemessenen Preis zu verkaufen. So ungefähr lautet die Kurzfassung dessen, was Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, mit der weltgrößten Medienschau im Sinn hat. Da spielt es keine Rolle, ob sich die Ideen und Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln oder auf der Basis einer Lese-Software entfalten.

          Und wenn noch ein Computerspiel dabei herauskommt, umso besser. Horrorszenarien, die elektronische Verwertung geistigen Eigentums führe zu Leseschwäche und zur Abdankung des gedruckten Worts, gehören vergangenen Ausgaben der Großveranstaltung an. Die Frage, wie die Leistungen von Autoren in Zeiten universeller digitaler Verbreitungs- und Kopiermöglichkeiten geschützt werden können, ist weiterhin nicht geklärt.

          Die Freiheit des Wortes

          Doch gerade die vernetzte Welt bringt dank Self-Publishing neue Erfolgsgeschichten hervor. Und, nein, es gibt dafür keine wirklich sinnvolle deutsche Übersetzung, denn mit dem Selbst-Publizieren von einst, dem trostlosen Ausweg für an den Verlagen gescheiterte Dichter und Denker, hat die zeitgenössische Form des Veröffentlichens im Internet nichts mehr zu tun. Sonst freilich gehen einem auf der Buchmesse, die etwa mit dem Satz „The Place to Be“ ihre noch weiter ausgebaute Internationalität unter Beweis stellen möchte, die Anglizismen gehörig auf die Nerven.

          Im Unterschied zu dem geschliffenen, klaren, verständlichen Englisch, mit dem Salman Rushdie so heiter wie bestimmt über die Macht der Literatur und die Ohnmacht des Schriftstellers, vor allem aber über die Freiheit des Wortes sprach, die keine Eigenheit der westlichen Kultur sei, sondern für den Menschen als „sprechendes Tier“ überhaupt gelte.

          Der Sicherheitsaufwand für den Auftritt des indisch-britischen Autors bei der Pressekonferenz war enorm. Dass Iran seinen offiziellen Stand aufgrund des Kurzbesuchs von Rushdie aus Protest zurückgezogen hat, zeugt davon, wes Geistes Kind die Regierung des Landes geblieben ist, das die Todesdrohung gegen den Autor noch immer nicht aufgehoben hat.

          Die Buchmesse aber wollte ein Zeichen setzen: für die Aufklärung, für die freie Rede, für die Unabhängigkeit des Denkens, für die Vielfalt der Sichtweisen, für den Geist. So ist der Auftakt mit Rushdie, der einem auch das Fehlen eines Intellektuellen von Format in Deutschland schmerzlich ins Bewusstsein gerufen hat, richtig gewesen. Auch wenn es nur einem kleinen Kreis vorbehalten war, den Schriftsteller in Person zu erleben. Ohne die geistige Freiheit, die er wie kein anderer verkörpert, kann die Branche nicht gedeihen, die sich alljährlich in Frankfurt zum großen Literaturbetriebsfest trifft und die Stadt brummen lässt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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          Quelle: F.A.Z.

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