15.03.2006 · Die Neue sieht schon ein bißchen mehr nach Kunst aus als ihre weithin von der Ästhetik des Messe-Ausstellungswesens geprägte Vorgängerin. Kommentar zur Kunstmesse „high & low fine art fair frankfurt“.
Von Michael HierholzerDie Neue sieht schon ein bißchen mehr nach Kunst aus als ihre weithin von der Ästhetik des Messe-Ausstellungswesens geprägte Vorgängerin. Auch wenn einem partout nicht einleuchten will, warum sie sich gleich mit fünf englischen Vokabeln schmückt, zumal die „high & low fine art fair frankfurt“ dann doch einen stark inländischen Charakter hat.
Die internationalen Galerien sind ausgeblieben, lokale Größen des Kunstvermittlungsbetriebs bestimmen das Bild, die Atmosphäre hat geradezu etwas Familiäres. Wie gehabt, könnte man denken. Aber weit gefehlt: Die Kunstmesse, die zum ersten Mal Michael Neff, der Chefpolarisierer unter den Frankfurter Galeristen, zu verantworten hat, unterscheidet sich erheblich von der guten alten Tante „Art“.
Diese war vor der Zeit in die Jahre gekommen, und die Messegesellschaft hatte schon lange kein rechtes Vergnügen mehr an ihr. Aus anderen Gründen gewiß als das Kunstvölkchen, das sich in London und anderswo auf den Messen bestens amüsierte, während Frankfurt eher zu seinem Pflichtprogramm gehörte.
Gasgefüllte Synagoge
Nun hat die Region eine Kunstmesse, die zur gewandelten Szene der Museen, Ausstellungshallen, Kunsthochschulen mir ihren durchweg jungen Akteuren an der Spitze paßt. Das zeigt sich schon an dem schmalen Katalog, der die betuliche Anmutung von einst vollkommen abgestreift hat, am deutlichsten aber an der Gestaltung der Halle 9. Oder vielmehr: im Verzicht darauf, im erfreulichen Mangel an Teppichboden, Kojen, Messemöblierung.
So diskret wurde der merkantile Aspekt wohl noch bei keiner Kunstmesse ausgeblendet, schließlich präsentieren die Teilnehmer allesamt Installationen, Ein-Personen-Shows, größere Werkgruppen, kurzum: kleine Ausstellungen auf großzügig bemessener Fläche. Weniger ist mehr. Knapp 50 Aussteller machen die Messe zu einem übersichtlichen Ereignis, das nicht an den Rändern auszufasern droht. Was die Künstler angeht, so gibt es kaum einen Ausrutscher: Etliche der gegenwärtig von den einschlägigen Zirkeln als hochbedeutend gehandelten Denker in Farbe und Form sind hier vertreten.
Auch bei den begleitenden Veranstaltungen ist Neff keine Kompromisse eingegangen. Daß Santiago Sierra mit seiner gasgefüllten Synagoge in Stommeln just zur Messe-Zeit auf effekthascherische Weise ein letztes Tabu brechen und damit einen veritablen Skandal produzieren würde, konnte der Kunstmessen-Chef nicht ahnen: Die Arbeit des umstrittenen spanischen Künstlers für Frankfurt ist jedenfalls weit weniger spektakulär. Und sieht mehr nach Kunst aus.