09.10.2008 · In Zeiten der Finanzkrise dudelt in den hessischen Radioprogrammen Gute-Laune-Unterhaltungsmusik. Ein Jammer. Ein Medium, das einst Standards setzte, gibt sich beinahe komplett der Infantilisierung hin.
Von Peter LückemeierEs war ein Samstag. In den Radionachrichten und im Internet tauchten die ersten Gerüchte und Vermutungen auf, Kurt Beck könne als SPD-Bundesvorsitzender zurücktreten. Wer daraufhin von den Radiosendern erwartete, mehr zu erfahren, wurde enttäuscht. Auf allen Sendeplätzen Musik und gute Laune, nur keine Informationen. Aber halt! Seit einigen Jahren gibt es doch hr-info, den Nachrichtenkanal.
Doch der scheint erstens personell knapp ausgestattet zu sein und zweitens oder gerade deswegen nicht flexibel genug. Hier ist das Programm, vor allem offenbar an den Wochenenden, längst getaktet und geplant, so dass auf aktuelle Entwicklungen nur schwerfällig, verspätet oder oberflächlich reagiert werden kann. Gut informiert fühlte sich der Radiohörer an jenem Samstag im Rhein-Main-Gebiet lediglich durch den Deutschlandfunk.
Schreckensnachrichten werden einfach ausgeblendet
Mit der Radioberichterstattung über die internationale Finanzkrise sieht es etwas besser, aber auch nicht wirklich gut aus. Das gilt vor allem für die Dudelfunk-Programme. Sollte jemand beschließen, die Schreckensnachrichten von den internationalen Finanzmärkten einfach auszublenden, sich nicht belasten zu lassen von rapide sinkenden Kursen und einem Verstaatlichungsprogramm, gegen das der Sozialismus ein Kinderspiel war – er wäre bei allen Gute-Laune-Sendern bestens aufgehoben. Hier nämlich regieren einzig und allein Frohsinn, schwungvolle Musik und vakuumorientiertes Sprechen.
Es ist ein Jammer, was in unserem Sendegebiet (das gern auch FFH-Land genannt wird) aus dem Radio geworden ist. Ein Medium, das einst Standards setzte und das in seiner öffentlich-rechtlichen Ausprägung auch seinem volkspädagogischen Auftrag voll entsprach, gibt sich beinahe komplett der Infantilisierung hin. Ausdrücklich ausgenommen werden von solcher Schelte seien hier die Programme hr2, SWR1, SWR2 und manchmal auch hr1 und hr-info.
Aber wenn hr-info ausdrücklich als Informationsradio gedacht ist, dann sollten die Verantwortlichen beim Hessischen Rundfunk diesen Auftrag auch ernst nehmen und diese Sparte besser ausstatten. Dass Europa das Weltall erforscht, dass bargeldloser Einkauf riskant ist, dass der Orang-Utan auf Borneo schlechte Überlebenschancen hat – alles schön und gut. Aber von einem Informationskanal darf der Hörer aktuelle Informationen erwarten, vor allem in so dramatischen Tagen wie diesen. Wenn irgendwann etwas noch Dramatischeres passieren würde, mag man sich gar nicht ausmalen, wie es um die aktuelle Radioberichterstattung in FFH-Land aussehen würde. Notfalls Decke übern Kopf und Hit-Mix ins Ohr.
Radio in BaWü
David Weinmann (Terratex)
- 09.10.2008, 23:27 Uhr
danke - dieses Thema musste endlich einmal angesprochen werden
WOLFGANG OPEL (BRANCETTO)
- 10.10.2008, 03:44 Uhr
Liebe Hessen, Ihr seit nicht alleine
Claus Behrens (chipin)
- 10.10.2008, 09:49 Uhr
Ich finde es
Alexander John (BeatDaddy)
- 10.10.2008, 10:11 Uhr
FFH-Land...
Klaus D. Wolf (serigala)
- 10.10.2008, 14:13 Uhr
Peter Lückemeier Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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