Es war richtig, dass 66 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, gut fünfzig Jahre nach der gefestigten Etablierung demokratischer Institutionen, eine Studie sich mit der Vergangenheit der hessischen Landtagsabgeordneten in der nationalsozialistischen Zeit befasste. Dies hätte viel früher geschehen müssen. Aber in den ersten Dekaden wurde offenbar parteiübergreifend Rücksicht genommen – man wollte sich nicht bloßgestellt wissen. Danach geriet das Thema entweder aus dem Sinn oder wurde weiter erfolgreich verdrängt. Und wie bei großen Unternehmen war man erst zwei Generationen später in der Lage, sich angstfrei der eigenen Vergangenheit zu stellen.
Besser freilich wäre es gewesen, der Hessische Landtag hätte schon vor Jahren eine historische Kommission eingesetzt, die ohne Zorn, Eifer oder falsche Rücksichtnahme, nur mit den Mitteln unbestechlicher Wissenschaft, braune, bräunliche oder blütenweiße Lebensläufe hessischer Abgeordneter unter die Lupe genommen hätte. Eine solche unabhängige Expertise hat der Landtagspräsident jetzt in Auftrag gegeben. Als Reaktion auf ein Gutachten, das die Fraktion der Linken bestellt hatte.
Es gibt noch mehr aufzuarbeiten
War es falsch, dass die Linke die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte in Angriff nahm? Nein. Aber bezeichnend ist es. Denn keine andere Partei hat so viel Grund darauf hinzuweisen, dass möglicherweise auch andere politische Institutionen vor ihrer Tür kehren sollten. Keine andere Partei hat mehr Anlass als die Linke, von ihrer unrühmlichen Vergangenheit abzulenken. Denn eben diese Linke ist die Nachfolgeorganisation einer Staatspartei, die Menschen abhörte und bespitzelte, sie ihrer Freiheit brutal beraubte und im Zweifelsfall auf sie schießen ließ, wenn sie der Unfreiheit entkommen wollten.
Dass bei dem Gutachten, das von der Linken in Auftrag gegeben wurde, überdies die Hauptquelle verlässlicher Daten – die Spruchkammerakten aus dem Hessischen Staatsarchiv – außer acht gelassen wurde, erhärtet die Qualität der Studie nicht. Vor allem aber die Motive für einen Eintritt und dessen situative Umstände werden darin zu wenig berücksichtigt. Es ist also allerhöchste Zeit, 66 Jahre nach dem Krieg die Geschichte aufzuarbeiten. Dafür sollten sich die Historiker die gebotene Zeit nehmen. Die Sache ist zu ernst für seichte Erkenntnisse.
Dies hätte viel früher geschehen müssen
Heike Schneider (KassandraWahrheit)
- 19.05.2011, 10:15 Uhr