26.08.2009 · Auch in Phasen der größten Krise hatten erfahrene Weinexperten im Ausland den Glauben an die großen edelsüßen Auslesen und Eisweine aus Deutschland nie ganz verloren. Nun lernen sie, dass es auch beachtliche trockene Weine mit Substanz gibt.
Von Oliver BockEin Rheingauer Riesling so teuer und so gut wie eine Rotweinkomposition des legendären Château Margaux? Wer mindestens 100 Jahre alte Weinpreislisten sichtet, stößt dabei tatsächlich auf eine Phase, in der die besten deutschen Weine gegenüber den bis heute berühmten französischen Gewächsen weder im Ruf noch beim Preis das Nachsehen hatten.
Allerdings hatte Deutschland schon mit seinem allerersten Weingesetz im Jahr 1892 - den Interessen des Weinhandels folgend - einen europäischen Sonderweg eingeschlagen und falsche Akzente gesetzt, die nie entscheidend korrigiert wurden. Die größten Defizite der Weingesetzgebung sind bis heute, nicht entschieden genug alle Bestrebungen zur Steigerung der Qualität zu fördern. Es folgten zwei verlorene Weltkriege und weitere weinrechtliche und geschmackliche Verirrungen, bis das Ansehen des deutschen Weins endgültig zerstört war.
Die Renaissance anspruchsvoller deutscher Erzeuger hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten beachtliche Erfolge hervorgebracht. Noch muss deutscher Wein im Ausland vielfach mit dem Image als Herkunft süßer und billiger Tropfen kämpfen - und solche werden leider noch immer erzeugt und exportiert -, doch die Ersten und Großen Gewächse stehen für Aufbruch und eine Trendwende.
Auch in Phasen der größten Krise hatten erfahrene Weinexperten im Ausland den Glauben an die großen edelsüßen Auslesen und Eisweine aus Deutschland nie ganz verloren. Nun lernen sie, dass es auch beachtliche trockene Weine mit Substanz gibt, die, im internationalen Maßstab gesehen, großen Genuss für kleines Geld versprechen. Der Rheingau hat dabei eine Vorreiterrolle gespielt, was allerdings auch dazu führte, dass Hessen bundesweit einen Sonderweg einschlug und unterschiedliche Bezeichnungen für Weine mit gleichem Anspruch die Verbraucher verwirren. Dass es zudem Erste Gewächse mit unterschiedlichen Grenzen beim zulässigen Zuckergehalt gibt, ist auf Dauer nicht tolerierbar. Immerhin legt der VDP schon ein strikteres Maß an als die gegenwärtige hessische Verordnung.
Zudem zeigt die heterogene Kollektion des Jahrgangs 2008, dass die Jury noch strenger prüfen muss, will sie das positive Image einer neuen Spitzenweinkategorie nicht dem Risiko aussetzen, irgendwann nicht mehr ernst genommen zu werden. Daran ändert die Tatsache nichts, dass ein Drittel der Kandidaten durchgefallen ist. Zehn Jahre "Erstes Gewächs" geben Anlass zu einer ermutigenden Bilanz, aber nicht für nachlassende Konsequenz.