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Kommentar : Eiszeit bei den Straßenbahnen

In Frankfurt klagen in diesen Tagen viele Fahrgäste darüber, dass sie im Eisregen stehen gelassen wurden. Dahinter steht eine politische Frage - nämlich die, wie viel der Nahverkehr kosten soll.

          Nach einem überraschend harten Winter mit viel Ärger über schlecht geräumte Straßen wurde in einer anderen deutschen Stadt vor Jahren eine Flotte neuer Schneepflüge angeschafft. Die folgenden Winter waren so mild, dass die Räumfahrzeuge ungenutzt in der Garage blieben. Bis der Rechnungshof nachfragte: Die Flotte wurde wieder abgeschafft.

          In Frankfurt klagen in diesen Tagen viele Fahrgäste darüber, dass sie im Eisregen stehen gelassen wurden. Am Sonntag mussten einige stundenlang auf ein Taxi warten, weil keine Ersatzbusse fuhren. Auch gestern gab es auf vielen Straßenbahnlinien keinen Ersatzverkehr. Viele Fahrgäste wundern sich, warum die VGF nicht flexibler reagiert.

          VGF ohne eigene Buslinien

          Dahinter steht eine politische Frage - nämlich die, wie viel der Nahverkehr kosten soll. Seit das Schienennetz vom Busnetz getrennt und ausgeschrieben wurde, betreibt die VGF keine Buslinien mehr. Sie hat ihre 180 Busse an ihre Tochtergesellschaft ICB vermietet, die mit anderen Busunternehmen im Wettbewerb steht. Alle Betreiber der Buslinien im Stadtgebiet hätten ihre Fahrzeuge schon „auf der Gass’“, heißt es im Verkehrsdezernat.

          Auf nur noch fünf eigene Fahrzeuge kann die VGF spontan zurückgreifen. Diese Busse fuhren gestern auch an Stelle der Straßenbahnen nach Oberrad, gesteuert von ehemaligen Busfahrern, die auf Schienenfahrzeuge umgeschult wurden, aber noch den Busführerschein besitzen. Denn aus Kostengründen hat die VGF auch keine eigenen Busfahrer mehr.

          Strukturen ändern

          Will die Stadt, dass ihre Verkehrsgesellschaft künftig flexibler auf einen seltenen Wettereinbruch wie diesen reagieren kann, muss sie in das Netz investieren. Oder sie muss die Strukturen ändern, die wegen des Wettbewerbsrechts aber kompliziert sind.

          Das letzte Mal brachte ein Eisregen die Straßenbahnlinien 1991 derart aus dem Takt. Es ist nicht sinnvoll, teure Ersatzbusse vorzuhalten, wenn diese Reserve nur alle 20 Jahre gebraucht wird. Die Eiszeit bei den Straßenbahnen zeigt jedoch: Die VGF braucht einen Notfallplan, der besser funktioniert. Abseits davon gilt aber auch: Wenn wir alle Jubeljahre einmal daran erinnert werden, dass uns höhere Elemente im Griff haben, sollten wir auch nicht zu laut jammern.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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