Home
http://www.faz.net/-gzg-15mhl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Ein Akt der Narretei

 ·  Nachdem der Darmstädter Oberbürgermeister schon Mitte Januar seiner Partei mitgeteilt hatte, für eine Wiederwahl zur Verfügung zu stehen, folgt nun eine Demontage ersten Ranges. Gekonnter bringt das nicht einmal die Bad Homburger CDU fertig.

Artikel Lesermeinungen (0)

Vor einer Woche hätten viele einen Fastnachtsscherz vermutet. Doch Aschermittwoch ist vorüber und das Votum der Darmstädter SPD-Spitze gegen Walter Hoffmann bitterer Ernst. Nachdem der Oberbürgermeister schon Mitte Januar seiner Partei mitgeteilt hatte, für eine Wiederwahl zur Verfügung zu stehen, folgt nun eine Demontage ersten Ranges. Gekonnter bringt das nicht einmal die Bad Homburger CDU fertig.

Das Votum des Parteivorstandes kommt überraschend, da Hoffmann vor zwei Wochen noch demonstrativ die Spitzenkandidatur für die Kommunalwahl im März 2011 angetragen worden war – zusätzlich zu seiner Bewerbung bei der gleichzeitig stattfindenden Oberbürgermeisterwahl. Er hat das abgelehnt mit Gründen, die plausibel sind und durchaus dem Amtsverständnis vieler Bürgermeister und Landräte entsprechen.

Ununterbrochen „Regierungspartei“

Was also geht in der Partei vor, die seit dem Zweiten Weltkrieg ununterbrochen „Regierungspartei“ in Darmstadt ist? Diese Frage dürfte in den nächsten Tagen die Darmstädter Öffentlichkeit besonders bewegen und die SPD gehörig unter Erklärungsdruck setzen. Oberbürgermeister sind zwar nicht unantastbar, aber das Amt ist, da der Inhaber direkt von den Bürgern bestimmt wird, auch keine parteipolitische Verfügungsmasse.

Die hessische Landes-SPD hatte vor einiger Zeit ihren Ypsilanti-Krimi. Nun spricht manches dafür, dass auch einige Darmstädter Sozialdemokraten seit geraumer Zeit an einem eigenen Partei-Thriller schreiben mit Hilfe von Autoren wie dem Landtagsabgeordneten Michael Siebel, der auch schon am Ypsilanti-Drehbuch mitgewirkt hat. Wie der Fall der früheren Landesvorsitzenden zeigt, sind Parteien zur konsequenten Selbstdemontage durchaus fähig, sie tun sich aber extrem schwer bei der späteren Aufklärung. Ihr entgehen können sie in einer demokratischen Gesellschaft gleichwohl nicht.

Zypries lehnt bisher ab

Hinter den Kulissen wurde im Kreis der Genossen intensiv verhandelt, vor allem mit Brigitte Zypries. Die frühere Bundesjustizministerin galt unter jenen, die Hoffmann gerne loswerden wollen, gleich nach der Bundestagswahl als ideale Oberbürgermeister-Kandidatin. Aber Zypries lehnte bisher ab. Noch am Montagabend, als der SPD-Unterbezirksvorstand abstimmte, spielte ihr Name in der Diskussion keine Rolle. Das Votum gegen Hoffmann fiel also, ohne dass ein Ersatz zur Verfügung stand. Insofern muss man darin wohl einen Akt der Narretei sehen, der noch zu büßen sein wird.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1958, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

Jüngste Beiträge

Geben und nehmen

Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr 1