30.03.2004 · Beim "größten Kokaingeschäft in der deutschen Geschichte", das Drogenfahnder im Oktober 2002 in Kassel sehr eindrucksvoll präsentiert hatten, soll das Landeskriminalamt Regie geführt haben. Der Staat ...
Von Helmut SchwanBeim "größten Kokaingeschäft in der deutschen Geschichte", das Drogenfahnder im Oktober 2002 in Kassel sehr eindrucksvoll präsentiert hatten, soll das Landeskriminalamt Regie geführt haben. Der Staat als Dealer? Natürlich kann, wer will, den Fall auf diese Formel bringen und schon deswegen "Skandal" rufen. Diese Perspektive erlaubt zudem, ein ethisches Dilemma zu ignorieren. Gerade der internationale Rauschgifthandel - wie Menschenhändlerringe und Schleuserbanden - operiert nämlich völlig abgeschottet, so daß die Ermittler an die Hintermänner nur noch herankommen, wenn es ihnen gelingt, Gewährsleute in deren Dunstkreis zu bringen. Die Alternative lautet daher, sich auf zufällige Erfolge zu beschränken oder versuchen, die Strukturen zu durchdringen.
So leicht es den meisten fallen mag, die zweite Variante zu befürworten - die Praxis ist brisant und gefährlich vor allem für jene, die sich in solche Kreise begeben. Bei Entdeckung droht Liquidation, wer sich zu sehr auf kriminelle Akte einläßt, später die Strafverfolgung. In diesem Spannungsfeld müssen die Gewährsleute, die nicht selten aus der "Szene" stammen, von der Polizei nach den Gesetzen gesteuert werden. Am Ende ist es an den Gerichten, das Maß an Provokation und eigener krimineller Energie der geschnappten Rauschgifthändler abzuwägen, den Grundsatz auszuleuchten, wie weit der Zweck die Mittel heiligen darf.
Ungeachtet dessen: Der Kampf gegen Organisierte Kriminalität ist nicht nur im übertragenen Sinne ein schwieriges Geschäft. Wer pauschal härtere Konsequenzen fordert, dem müssen diese Usancen klar sein. Die Kunst besteht darin, rechtsstaatliche Kriterien einzuhalten und zugleich effizient zu sein. Das ist kein unlösbarer Widerspruch, fordert aber den Konsens der Gesellschaft, sich auf dieses dunkle Feld zu begeben.
Vielleicht trifft zu, daß die Polizei in Kassel nicht den Berg von Kokainpäckchen hätte auftürmen können, wenn sie nicht Mittel, Wege und womöglich sogar eine Halle zur Verfügung gestellt hätte. Der letztlich vergebliche Versuch, in Dimensionen vorzudringen, in denen Drogenbosse mitmischen, freilich ist legitim. Wenn er indes schon damals mehr als ein solches Unterfangen, denn als "Rekord" dargestellt worden wäre, bliebe nun kein Raum für düstere Spekulationen.
Helmut Schwan Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge