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Kommentar Die Wahrheit hinter den Parolen

17.06.2009 ·  Dicht ist der rhetorische Pulverdampf, der über den Kundgebungen des „Bildungsstreiks“ schwebt. Zum Kampf gegen die „Bildungskatastrophe“ bläst die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft; „Schluss mit Repressionen“ und mehr „Demokratisierung“ fordert das Bündnis, das zu den Aktionen aufgerufen hat.

Von Sascha Zoske
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Dicht ist der rhetorische Pulverdampf, der über den Kundgebungen des „Bildungsstreiks“ schwebt. Zum Kampf gegen die „Bildungskatastrophe“ bläst die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft; „Schluss mit Repressionen“ und mehr „Demokratisierung“ fordert das Bündnis, das zu den Aktionen aufgerufen hat. Nähme man die Parolen zum Nennwert, müssten Schulen und Hochschulen Schauplätze permanenten fachlichen Versagens, struktureller Unterdrückung und von finsteren Wirtschaftsmächten forcierter Korruption sein.

Dass es ganz so schlimm nicht ist, werden die besonneneren unter den Aktivisten in einer ruhigen Minute wohl zugeben. Andererseits spricht aus ihren Reden eine Kritik, die zwar überzogen ist, in mancher Hinsicht aber in die richtige Richtung zielt. Die Unzufriedenheit mit dem Bologna-Prozess zum Beispiel, die auf den Demonstrationen artikuliert wird, ist kein Ausweis linker Verbohrtheit: Selbst der Frankfurter Uni-Präsident findet es erschreckend, wie das Bachelor-Master-System die studentische Mobilität hemmt, und in Mainz hat ein Theologieprofessor wegen der Folgen der Umstellung gar den Dienst quittiert.

Forschung und Lehre müssen unabhängig bleiben

Mit gewissem Recht beklagen Schüler und Studenten, dass der Leistungsdruck infolge der Reformen von G8 bis Bologna stetig zugenommen habe. Eine straffere Organisation schadet nicht immer, aber wo sie die akademische Freiheit stark beschneidet und den unentwegt Lernenden keinen Raum mehr für fachferne Tätigkeiten lässt, ist sie von Übel. Risiken birgt auch das grundsätzlich lobenswerte Engagement privater Geldgeber für die Hochschulen: So willkommen die Zuwendungen sind, so streng muss darauf geachtet werden, dass nicht am Ende nur jene Forschung und Lehre überlebt, für die sich ein gütiger Gönner findet.

Man muss weder den Bachelor abschaffen noch allen Sponsoren an der Uni Hausverbot erteilen, um den genannten Gefahren zu begegnen. Gemäßigt linke und konservative Reformskeptiker können gemeinsam ein Korrektiv bilden, das einer zu starken Rationalisierung und Ökonomisierung des Bildungswesens entgegenwirkt. Wenn der aktuelle „Streik“ ein solches Bündnis beförderte, wäre das erfreulich.

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Jahrgang 1969, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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