05.09.2007 · Rote Kringel auf Karten, ein mysteriöser Anwerbeversuch - bis Mittwoch war weitgehend in Vergessenheit geraten, wie „konkret“ die Bedrohung ist: Deutschland ist auch Operationsgebiet islamistischer Extremisten.
Von Helmut SchwanSeit sechs Jahren, seit den Anschlägen vom 11. September, war auch die Rhein-Main-Region „abstrakt“ vom Terror bedroht, wie Sicherheitskreise es bisher formulierten. „Abstrakt“ bedeutete zum Beispiel, in Pakistan seien Landkarten entdeckt worden, auf denen Mitglieder von Al Qaida Ziele eingekreist hätten – darunter die europäische Finanzmetropole mit dem Weltflughafen und starker amerikanischer Präsenz. Und im November vergangenen Jahres kam der Verdacht auf, eine Gruppierung habe einen Kleinkriminellen dafür gewinnen wollen, in Frankfurt einen Sprengsatz an Bord eines Flugzeugs zu schmuggeln.
Rote Kringel auf Karten, ein etwas mysteriöser Anwerbeversuch – bis Mittwoch war wieder weitgehend in Vergessenheit geraten, wie „konkret“ inzwischen die Bedrohung ist: Deutschland ist, wie Pläne für andere verhinderte Anschläge längst gezeigt haben, nicht nur Rückzugsraum, sondern auch Operationsgebiet islamistischer Extremisten.
Vor allem Amerikaner, so lauten die ersten jüngsten Erkenntnisse, sollten in möglichst großer Zahl von verheerenden Autobomben getötet werden – mitten im Leben, in Diskotheken, Restaurants, an Flughäfen. Die Aktivitäten der Terrorzelle, die Ende vergangenen Jahres offenbar in Hanau begannen und quer durch die Republik wieder zurück an die hessische Landesgrenze führten, hatten ein Stadium erreicht, das zum Eingreifen zwang. Das Bundeskriminalamt musste die Strategie aufgeben, die mutmaßlichen Bombenbastler noch länger zu observieren und damit mögliche Verbindungen und konkrete Pläne aufdecken zu können.
Kosten für die Kontrollen
Selbst wenn die Bundesanwaltschaft die Spekulationen des frühen Morgens nicht bestätigte, auch am Frankfurter Flughafen habe die „Dschihad-Union“ einen Anschlag verüben wollen – als eindeutige Entwarnung war dies nicht zu verstehen, wie Hessens Innenminister Bouffier am Nachmittag andeutete. Der frühe Zugriff lässt das mögliche Horrorszenario nur erahnen, Bouffier sprach freilich unumwunden von einem drohenden Blutbad.
Nach mehrmonatiger Überwachung des Telefon- und E-Mail-Verkehrs der Verdächtigen steht zumindest fest: Sicherheitsvorkehrungen müssen mindestens auf dem gegenwärtigen hohen Niveau bleiben. Das gilt zumal für den Frankfurter Flughafen, wo sich täglich mehrere hunderttausend Menschen begegnen. In den vergangenen Monaten war öfter in Frage gestellt worden, ob die enormen Kosten für die Kontrollen am Flughafen und den Schutz von Kasernen und Konsulaten weiter gerechtfertigt seien, obwohl doch schon so lange alles ruhig geblieben sei. Doch diese Ruhe war trügerisch.
Helmut Schwan Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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