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Kommentar Die Chance der Geizigen

15.10.2008 ·  Wer immer außerhalb der Finanzbranche noch schlechte Nachrichten zu verkaufen hat, sollte mit ihnen schleunigst an die Öffentlichkeit gehen. Nie war die Chance so hoch, allenfalls mit einer Fußnote in den Nachrichten aufzutauchen.

Von Matthias Alexander
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In jeder Krise liegt auch eine Chance, heißt es derzeit oft. Gern wird dann das chinesische Schriftzeichen strapaziert, das für beides steht. Je größer die Krise ist, desto vielfältiger müssen auch die Chancen sein. Und während die meisten Menschen derzeit noch krisenzeitengemäß mit ernster Miene finanzpolitische Weisheiten verbreiten und die historische Dimension der aktuellen Ereignisse zu ermessen suchen, sind die listigen Krisengewinnler längst am Werk.

Zu ihnen zählen Manager, die Weihnachtsfeiern absagen und Gehaltserhöhungen verweigern, weil die Krise angeblich auch ihre Branche bedroht. Zu ihnen gehören Mütter, die den Kindern die Erhöhung des Taschengelds versagen: „Ihr wisst, die Krise.“ Ehemänner, die ihren Gattinnen mit trauriger Stimme sagen: „Schatz, das mit dem Weihnachtsshopping in New York wird diesmal leider, leider nichts, die Krise . . .“ Trickdiebe, die sich als Bankberater ausgeben und den Leuten raten, ihr Erspartes zu Hause aufzubewahren, um es ihnen dann dort zu stehlen.

Unternehmer, die aufgrund verfehlter Produktpolitik ohnehin auf ihren Waren sitzengeblieben wären, haben eine Ausrede für ihre Umsatzeinbußen gefunden. Ladeninhaber, die wegen schlechter Beratung von den Kunden gemieden werden, haben endlich einen Sündenbock. Wer seinen Ratenkredit stunden lassen will, setzt einen traurigen Blick auf und sagt leise: „Finanzkrise.“ Politikern, die es mit der Sanierung der öffentlichen Haushalte sowieso nicht so ernst gemeint haben, hat sich ein Ausweg eröffnet: Sind erst einmal 500 Milliarden an Rettungsgeld für die Finanzbranche genehmigt, darf man in anderen Fällen doch nicht kleinlich sein können, lautet die Argumentationslinie, die Andrea Ypsilanti bleibt, falls sie denn ihre zweite Wahlchance nutzt.

Wer immer außerhalb der Finanzbranche noch schlechte Nachrichten zu verkaufen hat, sollte mit ihnen schleunigst an die Öffentlichkeit gehen. Nie war die Chance so hoch, allenfalls mit einer Fußnote in den Nachrichten aufzutauchen.

Gäbe es die Finanzkrise nicht, man müsste sie erfinden – denken sich die Geizigen, die Faulen, die Rechthaber, die Heuchler, die Betrüger und die Weltverbesserer. Schon deshalb ist es an der Zeit, diese Krise zu beenden.

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