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Kommentar : Die Bringschuld der Migranten

Es ist lobenswert, wenn Parteien Bürger mit Migrationshintergrund stärker einbinden wollen. Die Parteien sollten sich aber nicht scheuen, Engagement als Bringschuld zu bezeichnen.

          Die Aussage stützt sich nicht auf eine repräsentative Studie, sondern auf Beobachtungen im eigenen Umfeld, dafür ist sie eindeutig: Migranten sind in Beiräten von Kindergärten und Schulen, gemessen an der Zahl ihrer Kinder, deutlich unterrepräsentiert. Über die Ursachen lässt sich nur spekulieren. In einigen Fällen mag mangelnde Sprachbeherrschung eine Rolle spielen, doch gibt es viele Eltern etwa mit türkischen, spanischen oder ghanaischen Wurzeln, die perfekt Deutsch sprechen. Auch sie stehen offenkundig selten zur Verfügung.

          Die Grünen in Frankfurt, aber nicht nur sie, machen eine ähnliche Erfahrung. Es ist schwer, Migranten für politische Arbeit zu gewinnen. Das zu ändern, gebietet schon der Blick auf die Bevölkerungsentwicklung: In wenigen Jahren werden mehr als 50 Prozent der Frankfurter ausländische Wurzeln haben. Das Legitimationsproblem, das die Kommunalpolitik schon angesichts sinkenden Interesses unter der alteingesessenen Bevölkerung hat, könnte sich dramatisch verschärfen.

          Sitz im Elternbeirat ein Anfang

          Es ist daher lobenswert, wenn sich die Parteien Gedanken machen, wie sie Bürger mit Migrationshintergrund stärker einbinden können. Die Parteien haben einige Ideen: Patenschaften für Interessierte, Ansprache über kleine Initiativen in den Stadtteilen, Förderung von Identifikationsfiguren. Das kann dazu beitragen, die nicht zu leugnenden Hürden zu überwinden: Die Weltanschauung fast aller hiesigen Parteien wurzelt tief in der deutschen Geschichte, was den intellektuellen und emotionalen Zugang für Zugewanderte erschwert. Und der hohe Formalisierungsgrad selbst unbedeutender Entscheidungsprozesse ist gewöhnungsbedürftig.

          Die Parteien sollten sich aber nicht scheuen, Engagement als Bringschuld zu bezeichnen. Sie können daran erinnern, dass in vielen Ländern Menschen ihr Leben für mehr Teilhabe riskieren. Egal ob Migranten aus politischen, wirtschaftlichen oder privaten Gründen gekommen sind, ihr Wohlbefinden hängt von der Stabilität der hiesigen Institutionen ab. Viermal im Jahr zur Elternbeiratssitzung zu gehen wäre ein guter Anfang für einen eigenen Beitrag.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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