01.03.2009 · Das Wort „Hoffnungsträger“ ist ein seltsamer Begriff für Thorsten Schäfer-Gümbel, der bei der Wahl mit 23,7 Prozent das schlechteste SPD-Ergebnis aller Zeiten in Hessen holte. Aber es ist ihm strafmindernd anzurechnen, dass er ein Erbe antrat, das schon verspielt war.
Von Peter LückemeierWas lehrt uns eigentlich der Parteitag der SPD? Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen, dass die Partei, die in Hessen auf eine so stolze lange Geschichte zurückblicken kann, sich eine neue Führung gegeben hat? Zunächst einmal haben die Sozialdemokraten ihren Hoffnungsträger Schäfer-Gümbel mit einer Mehrheit ausgestattet, die ihm den Rücken stärkt. Das Wort „Hoffnungsträger“ ist ein seltsamer Begriff für jemanden, der bei der Wahl vom Januar mit 23,7 Prozent der Stimmen das schlechteste SPD-Ergebnis aller Zeiten in Hessen holte, aber es ist ihm strafmindernd anzurechnen, dass er ein Erbe antrat, das schon verspielt war.
Außerdem: Einen anderen Hoffnungsträger hat die SPD nicht. Schon das Zukunftsteam, mit dem Andrea Ypsilanti in die Wahl 2008 gezogen war, enthielt ja keine magnetisierenden Namen, und auch wenn man heute auf die stellvertretenden Parteivorsitzenden und die Bundestagskandidaten blickt, fragt man sich: Wer kennt die? Wen können sie begeistern? Und welche Politik wollen sie machen?
Rücksicht auf die einstige Heldin Ypsilanti
Da sind wir bei der Gretchenfrage. Die Antwort lautet auch nach diesem Parteitag: Die SPD, das sind zwei Parteien. Die eine ist die linke, die andere die gemäßigte SPD. Die eine gibt den Ton an, die andere schweigt. Die eine ist die, die den Wortbruch noch längst nicht aufgearbeitet hat, die andere ist die, die es nicht darf oder abgestraft wird, wenn sie es tut – so wie der Frankfurter Abgeordnete Gregor Amann, der sich rasch auf einem schlechten Listenplatz wiederfand. Es wird in dieser Partei auch nicht thematisiert, jedenfalls nicht öffentlich, dass der neue Parteivorsitzende und seine Stellvertreter Grumbach und Schaub ganz entschiedene Vertreter des Ypsilanti-Kurses gewesen waren.
Man mag es Schäfer-Gümbel anrechnen, dass er in Sachen Wortbruch Rücksicht nimmt auf seine einstige Heldin Ypsilanti. Er selbst könnte leichter zugeben, einen Fehler gemacht zu haben; ihn Ypsilanti öffentlich zuzuschreiben mag ihm selbst wie anderen als Illoyalität gegenüber einer, die am Boden liegt, vorkommen. Es führt aber kein Weg daran vorbei, diesen unrühmlichen Teil der sozialdemokratischen Geschichte Hessens aufzuarbeiten. Ansonsten kann man den Genossen nur empfehlen, die Ärmel hochzukrempeln und sich auf sachliche Oppositionsarbeit zu konzentrieren. Gelegenheit dazu wird, wenn der Eindruck nicht täuscht, die neue Landesregierung alsbald geben.
Peter Lückemeier Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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