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Kommentar Das große Schweigen

Für die Abgeordneten der Hessischen Landtage in der Nachkriegszeit gilt: Jeder Fall von NSDAP-Mitgliedschaft darf nicht pauschal bewertet werden. Und es ist wünschenswert, die Angelegenheit weiter zu untersuchen.

© dpa Vergrößern Solche Meldebögen der Spruchkammern zur Entnazifizierung, die im Hessischen Hauptstaatsarchiv liegen, dienten zur Untersuchung der NS-Vergangenheit früherer Abgeordneter.

Was ist von einem Mann zu halten, der 1943 die Aufgabe eines stellvertretenden Blockwarts übernahm? Er muss doch ein in der Wolle gefärbter Nazi gewesen sein, oder? Oder auch nicht. Vielleicht zählte er in seiner Nachbarschaft zu den wenigen Männern, die nicht als Soldaten im Krieg waren. Ein Held war er gewiss nicht, aber ein Schurke?

Peter Lückemeier Folgen:  

Was ist von einem Mann zu halten, der im April 1933 in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei eintrat? Er muss doch ein glühender Anhänger oder ein Opportunist, der noch schnell auf den fahrenden Zug aufsprang, gewesen sein. Schon möglich. Oder auch nicht. Vielleicht war er Vorstandsmitglied einer Genossenschaftsbank, und sein Verband hatte im Zuge der Gleichschaltung bestimmt, dass mindestens die Hälfte aller Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder der Partei angehören mussten. Auch dieser Mann wäre kein Held gewesen, aber wer von den heute Lebenden und Urteilenden ihn in die Kategorie „feiger Mitläufer“ oder „opportunistischer Karrierist“ einstufen will, der möge sich zuerst selbst auf seine eigene Untadeligkeit prüfen.

Unfähigkeit und Unwilligkeit

Auch für die Abgeordneten der Hessischen Landtage in der Nachkriegszeit gilt: Jeder einzelne Fall muss genauestens untersucht und darf nicht pauschal bewertet werden. Schon jetzt ist aber zusammenfassend festzuhalten, dass erstens die Zahl der Abgeordneten mit Parteihintergrund erstaunlich - vielleicht sogar erschreckend - hoch ist. Dass zweitens die Unfähigkeit und Unwilligkeit, die eigene Vergangenheit als Teil der Biographie zu verstehen und öffentlich zu machen, eine Art Kollektivverhalten gewesen sein muss. Und dass es drittens höchst wünschenswert ist, die Angelegenheit weiter zu untersuchen. Wobei die wichtigste Frage die am schwierigsten zu beantwortende sein wird: Welchen Einfluss auf die konkrete hessische Politik hatten die braunen oder bräunlichen Vorleben der hessischen Volksvertreter?

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Dass diese Frage 68 Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes gestellt wird, ist Teil jener Verdrängung, die das öffentliche Sprechen über die Vergangenheit erst möglich macht, nachdem die Handelnden von einst längst verstummt sind.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 19.02.2013, 23:22 Uhr

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