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Kommentar Charisma erwünscht

04.02.2008 ·  Das Museum für Moderne Kunst und Jean-Christophe Ammann: dazwischen passte kein Löschblatt. Wenn es nun um die Neubesetzung der Direktorenstelle geht, wird man auf ein gewisses Charisma zu achten haben.

Von Michael Hierholzer
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In Frankfurt wurde die Redeform der Kunstpredigt wenn nicht erfunden, so doch zur Perfektion getrieben. Der Ersatzpfarrer hieß Jean-Christophe Ammann und leitete von 1989 bis 2002 das Museum, das der Volksmund von Anfang an als „Tortenstück“ goutierte. Nachdem die 1981 gegründete Institution 1991 in einem der letzten Ausstellungsgebäude des postmodernen Museumsbooms in Deutschland Stein geworden war, versiegte postwendend die städtische Geldquelle. Ammann mobilisierte nicht nur breitere bürgerliche Schichten für die nicht mehr allzu schönen Künste, sondern auch finanzkräftige Förderer.

Er deutete Bilder, Skulpturen, Installationen nach dem aus der Bibelexegese bekannten Verfahren des mehrfachen Schriftsinns. So gelang es ihm, auch solche Wirtschaftskapitäne und Gesellschaftsdamen, die bunte Leuchtröhren und zusammengefaltete Staubtücher bislang nicht unter Kunstaspekten betrachtet hatten, von den oft spröden Objekten zeitgenössischer Künstler zu überzeugen.

Deutung von Welt und Mensch

Das Museum für Moderne Kunst und Jean-Christophe Ammann: dazwischen passte kein Löschblatt. Rasch ließ er die Kritiker verstummen, die für ein zweites Institut, das neben dem Städel moderne Kunst sammelt, keinerlei Notwendigkeit gesehen hatten. Die Kunstandacht, die Ammann in unmittelbarer Nähe zum Dom für die säkularisierten Ballungsraumbewohner anbot, wurde freudig angenommen. Die Lücke auf dem Glaubensmarkt, die er besetzte, wird im MMK immer noch gefüllt, wenn auch nicht mehr mit dem verqueren Enthusiasmus Ammanns.

Dessen Stern freilich sank vor etwa drei Jahren, als der Sammler Dieter Bock 500 Werke abzog und bekannt wurde, dass der frühere Direktor in einem Geheimvertrag einer Leihfrist zugestimmt hatte. Der Leistung Ammanns tut dies nur bedingt Abbruch. Er handelte sicherlich in der naiven Absicht, in Zeiten der finanziellen Notlage das Museum weiterzuentwickeln. Aber selbst wenn das Haus nur die Sammlung Ströher besäße, die nun den Grundstock des Museums bildet, ließe es sich trefflich bespielen.

Wenn es nun um die Neubesetzung der Direktorenstelle geht, wird man die Vermittlung in den Vordergrund stellen müssen und auf ein gewisses Charisma zu achten haben. Der Kunst ist eine Aufgabe zugewachsen, die eine Parallele zur Religion nahelegt. Es geht um nichts Geringeres als die Deutung von Welt und Mensch unter den gegenwärtigen Verhältnissen. Und für Frankfurt darum, das MMK als eigenständige, starke kulturelle Stimme zu bewahren.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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