12.03.2007 · An den hessischen Gymnasien herrscht Lampenfieber, am Freitag beginnt das erste Landesabitur mit der schriftlichen Prüfung im Fach Mathematik. Doch die Aufregung ist einer Premiere adäquat, der sonst in Hessen obligatorische Sturm der Entrüstung vor Reformen blieb aus.
Von Lisa UphoffAn den hessischen Gymnasien herrscht Lampenfieber, am Freitag beginnt das erste Landesabitur mit der schriftlichen Prüfung im Fach Mathematik. Doch die Aufregung ist einer Premiere adäquat, der sonst in Hessen obligatorische Sturm der Entrüstung vor Reformen blieb aus. Denn drei gute Gründe sprechen für die Neuerung: Vergleichbarkeit, Gerechtigkeit und Disziplin.
Zu Letzterer werden vor allem die Lehrer gezwungen. Sie müssen künftig den gesamten Lehrplan dezidiert behandeln und können sich nicht durch Themen-Vorlieben treiben lassen. Mut zur Lücke ist nicht mehr gefragt, alle Schüler erhalten den annähernd gleichen Unterricht. Diese neue Gerechtigkeit wissen die Jugendlichen ebenso wie die daraus resultierende Vergleichbarkeit des Abschlusses trotz der höheren Belastung durchaus zu schätzen.
Doch die neue Errungenschaft hat auch ihre Tücken. Die Vergleichbarkeit geht zu Lasten der Individualität. Vor dem Zentralabitur konnten sowohl das besondere Profil der Schule als auch das der Schülerschaft besser berücksichtigt werden. Nun gilt das Rasenmäher-Prinzip, und sogar Befürworter monieren, dass durch das Landesabitur lediglich ein mittleres Bildungsniveau gesichert werde. Da mehr Themen verbindlich behandelt werden müssen, heißt das Unterrichtsmotto generell „Breite statt Tiefe“. Der Stoff-Druck kann nicht nur zu einem Mangel an Vertiefung führen, sondern viele Pädagogen forcieren notgedrungen wieder altertümlichen Frontalunterricht, moderne Schlüsselqualifikationen wie Methodenkompetenz werden dadurch nicht gefördert. Referate und Präsentationen seien leider zu zeitintensiv, fassen einige Lehrer bereits die Erfahrungen aus den vergangenen zwei Vorbereitungsjahren zum Landesabitur zusammen.
Außerhalb des Unterrichts sparen Lehrer viel Zeit. Mussten sie früher die Abiturvorschläge für jeden Kursus passgenau ausarbeiten, erhalten sie die Vorschläge nun „von oben“ von den Fachkommissionen. Damit der Zentralismus aber nicht überhandnimmt, bekommen die Lehrer beispielsweise im Fach Geschichte drei Vorschläge, von denen sie einen verwerfen dürfen; die anderen beiden werden den Schülern zur Wahl vorgelegt. Zudem wird nur in den drei schriftlichen Abiturfächern zentral geprüft, die mündlichen Prüfungen bleiben weiterhin in der Hoheit der Schulen. Neben den Prüfungen gehen noch etliche Zeugnisnoten aus den Jahrgängen 12 und 13 mit in die Abiturnote ein. Ein wenig Individualität bleibt daher erhalten.
Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Schüler bei der Premiere am Freitag nicht vor weißen Blättern sitzen: Bei zwei Probeläufen zur elektronischen Übermittlung der Aufgaben gab es Probleme.