22.01.2009 · Frankfurt verliert einen Verband nach dem anderen an Berlin. Wenn nun der Automobil-Verband die Nähe zur Bundespolitik sucht, wird er nicht zu halten sein. Was Suhrkamp angeht, muss sich die Politik anstrengen, den Verlag in der Stadt zu halten.
Von Manfred KöhlerNur wenige haben seinerzeit erkannt, dass der Kampf um den Umzug der Bundeshauptstadt von Bonn nach Berlin auch ein Kampf um die Perspektiven Frankfurts war. Mit dem vergleichsweise nahe gelegenen Städtchen am Rhein konnte Frankfurt in Freundschaft leben. Berlin aber entwickelte, nachdem die Bundesorgane umgezogen waren, die natürliche Anziehungskraft einer so gestärkten Metropole.
Dass Frankfurt seitdem einen Verband nach dem anderen verliert, nun sogar die renommierte Lobbyistenorganisation der Automobilindustrie, ist zwar zu bedauern – Einfluss nehmen lässt sich kaum mehr, wenn von den Vorständen mehr Nähe zur Bundespolitik für notwendig gehalten wird.
Kampf um die Verlagsbranche aufnehmen
Doch auch wenn diesmal nichts zu machen war, ist es ärgerlich, dass der Wirtschaftsstandort Frankfurt damit einen weiteren Schlag erleidet. Der Wegzug der Börse nach Eschborn, der Umzug der noch verbliebenen Teile der einstigen Degussa, heute Evonik, nach Hanau, das unwürdige Spiel mit der Radeberger-Gruppe, jetzt noch die Abwanderung des Automobil-Verbands – es kommt viel zusammen. Dass im Gegenzug die Dresdner Bank nicht mehr von München aus geführt wird, ist angesichts ihres traurigen Zustands vorerst ein schwacher Trost.
Dies ist eine Klage auf hohem Niveau, sicher. 2008 haben in Frankfurt so viele Menschen wie nie zuvor Arbeit gefunden. Mit dem Flughafenausbau wird die Stadt im Metropolenwettbewerb weiter gestärkt, die Messe kämpft zwar mit den subventionierten Standorten anderswo, hält aber jedenfalls national ihre Stellung. Dennoch stellt sich die Frage, wo die Erfolgsgeschichten bleiben.
Größte Sorgen sollten die Grübeleien bei Suhrkamp bereiten, ebenfalls nach Berlin zu wechseln. Mögen auch Verbände nicht zu halten sein, wenn sie in Sichtweite zum Bundestag residieren wollen, so sollte der Römer den Kampf um die Verlagsbranche selbstbewusst aufnehmen. Dass man dem Börsenverein zum Freundschaftspreis drei Gebäude nahe der Paulskirche überlässt, zeigt immerhin die Handlungsfähigkeit der Politik. Es werden aber großartigere Einfälle nötig sein, um wenigstens die Intellektuellen zu halten, wenn das schon bei den Autobauern nicht gelingt.