Home
http://www.faz.net/-gzg-vbow
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar An Wiesbaden vorbei

20.09.2007 ·  Von Dezember an fahren nur noch drei ICE-Züge von Wiesbaden nach Köln. Für die hessische Landeshauptstadt ist es der Anschluss an die große Welt, der nach und nach verlorenzugehen droht.

Von Manfred Köhler
Artikel Lesermeinungen (0)

Große Hoffnungen hatten sich einst in der Landeshauptstadt mit der Anbindung an die Neubaustrecke der Deutschen Bahn von Frankfurt nach Köln verknüpft. Wiesbaden, das muss man wissen, ist bei der Eisenbahn immer zu kurz gekommen. Zuerst fuhren die Züge im Westen an der Landeshauptstadt vorbei, weil die damalige Bundesbahn den Personenverkehr auf der linksrheinischen Strecke durch das Rheintal konzentrierte, die eben durch das linksrheinische Mainz führt und nicht durch das rechtsrheinische Wiesbaden.

Die Neubaustrecke wurde zwar nun endlich auf der aus Wiesbadener Sicht richtigen Rheinseite errichtet, führt aber aus topographischen Gründen mit gehörigem Abstand an der Landeshauptstadt vorbei. Wieder war es nichts mit dem direkten Anschluss an eine der wichtigsten Eisenbahnstrecken Europas.

Mehr Wettbewerb würde nicht schaden

Der Abzweig, der statt dessen zur Befriedigung Wiesbadener Verkehrsbedürfnisse unter dem Kreuz der Autobahnen 3 und 66 entstand, war von der Deutschen Bahn AG von vornherein nicht recht geliebt. Gerade einmal alle zwei Stunden verkehrte dort zu Anbeginn ein Zug. Während aber die Bahnhöfe Montabaur und Limburg, von der Deutschen Bahn auch eher unwillig – als Konzession an die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Hessen – gebaut, einen von dem Staatsunternehmen unerwarteten Aufschwung nahmen, ging es mit der Anbindung Wiesbadens stets bergab.

Von einst acht Verbindungen pro Tag waren vor Jahresfrist noch fünf geblieben, von Dezember an werden es nur noch drei sein. Dabei ist die Relation nicht unattraktiv: In gerade einmal einer Stunde kann man von der Landeshauptstadt nach Köln gelangen, von wo es schnelle Verbindungen ins Ruhrgebiet, nach Belgien und in die Niederlande gibt.

Wenn man vom stillen Sterben dieses Abzweigs hört, der bereits lebhaften Protest Wiesbadener Kommunalpolitiker ausgelöst hat, wünscht man sich schon, dass doch dereinst Zeiten kommen mögen, in denen verschiedene Eisenbahnunternehmen miteinander um Kunden werben. Denn es lässt sich sehr gut vorstellen, dass die Fahrgastzahlen stiegen, klebte ein Unternehmen an jeder Ecke der Landeshauptstadt Plakate mit Werbung für diese Verbindung, böte ein Unternehmen Probier-Tickets zum halben Preis an oder veranstaltete sonst irgendeinen Rummel, ohne den es heutzutage eben nicht mehr geht. Von einem weltweit tätigen Konzern wie der Deutschen Bahn kann man dies kaum erwarten, für ihn ist eine solche Strecke viel zu unwichtig. Für Wiesbaden hingegen ist es der Anschluss an die große Welt, der nach und nach verlorenzugehen droht. Die Mainzer können wenigstens weiterhin durchs Rheintal fahren. Die Eisenbahn und Wiesbaden: Es bleibt wie eh und je eine schwierige Beziehung.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr