Die Kokain-Spuren, die laut Berliner Staatsanwaltschaft in Kanzlei und Wohnung von Michel Friedman in Frankfurt gefunden wurden, könnten letztlich die hiesige Justiz beschäftigen. Zwar war auch am Freitag die Frankfurter Staatsanwaltschaft noch nicht offiziell über das Verfahren gegen den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland und die neuesten Erkenntnisse informiert, aber intern wurde dennoch schon diskutiert, ob man für den Fall zuständig werden könnte. Diese Konsequenz würde sich zumindest dann ergeben, wenn die Ermittler keine Hinweise auf einen möglichen Umgang mit Drogen an anderen Orten als Frankfurt hätten.
Wie die Berliner Staatsanwaltschaft am Freitag mitteilte, handelt es sich nach einem chemischen Gutachten bei den Resten von weißem Pulver, das bei der Durchsuchung am Mittwoch in "szeneüblichen Tütchen" sichergestellt worden war, um ein Kokaingemisch (siehe Politik, Seite 2). Dieses Ergebnis sei dem Anwalt Friedmans übermittelt worden. Offen blieb freilich weiterhin, wem die Rauschgiftportionen gehören, zumal Friedman, der im Hauptberuf Rechtsanwalt ist, sich auf Anraten seines Verteidigers auch am Freitag jeglicher Äußerung enthielt. Abzuwarten bleibt daher auch, was die Untersuchung der Haarprobe ergibt, die der Siebenundvierzigjährige am Mittwoch den Ermittlern - ohne, daß Zwang angewendet werden mußte - zur Verfügung gestellt hatte. Anhand physiologischer Veränderungen läßt sich nachweisen, ob und wie erheblich die Person Drogen konsumiert hat. Das Resultat des Haartestes soll Ende nächster Woche vorliegen.
Zwei der Päckchen, deren Anhaftungen schneller als zunächst vermutet analysiert waren, hatten nach Informationen aus Berlin Drogenspürhunde in der Kanzlei, eines in der Wohnung Friedmans gefunden. Sie wiesen laut dem Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Björn Retzlaff, keine "verwertbaren Fingerabdrücke" auf, was man allerdings auch nicht erwartet habe.
Allmählich wird auch deutlich, warum der ermittelnde Staatsanwalt eigens Beamte aus Berlin mitbrachte und nicht wie gewöhnlich die Amtshilfe der Frankfurter Polizei in Anspruch nahm. Die auch in Berlin als heikel eingestuften Ermittlungen gegen den Politiker und Fernseh-Moderatoren sind zwar nicht Teil, aber mittelbare Folge eines aufwendigen Verfahrens gegen einen mutmaßlichen Menschenhändlerring. Kriminelle aus der Ukraine und Polen sollen Prostituierte nach und durch Deutschland geschleust haben. Auf einer Pressekonferenz in Berlin bestätigten Staatsanwälte am Freitag, daß der Verdacht gegen Friedman im Zuge dieser Ermittlungen, bei denen der Vizepräsident des Zentralrates der Juden als Zeuge in Betracht komme, aufgekommen war. Nachfragen, ob Meldungen zuträfen, Prostituierte hätten Friedman "und andere Prominente" des Drogenkonsums bezichtigt, blieben unbeantwortet.
Die Führungsspitze der Frankfurter Polizei wurde erst kurz vor Beginn der Durchsuchungsaktion am Mittwoch vormittag informiert, wohl um auf Anrufe vorbereitet zu sein, die von ungewöhnlichen Vorkommnissen vor dem Haus berichteten. Vorerst, so scheint es, neigen die Berliner Ermittler nicht dazu, den "Fall Friedman" abzugeben. Zumal angesichts der noch sehr unklaren Beweislage offen ist, ob er nicht schon demnächst einzustellen ist. (hs.)

