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Königstein feiert Jubiläum „Dieselben Freiheiten wie Frankfurt“

Eine Burg und gute Beziehungen: Vor knapp 700 Jahren bekam die Bilderbuchstadt Königstein die Stadtrechte. 2013 wird das gefeiert, die Vorbereitungen laufen schon jetzt.

© Rüchel, Dieter Vergrößern Dank der Burg: Seit fast 700 Jahren besitzt Königstein Stadtrechte.

Die Szenerie wäre eine gute Vorlage für eine Modelleisenbahnanlage - auch wenn die Bahnstrecke am Bahnhof endet. Aber die Fachwerkhäuschen am Berg, auf dem eine Burg thront, die eigentümlich alpine Atmosphäre durch die Chalets im Schweizerstil und die schlossartigen Villen machen Königstein zu einem Musterstädtchen. Alles da wie im Bilderbuch, meint Bürgermeister Leonhard Helm (CDU): Ein Amtsgericht, eine Bibliothek und sogar ein Krankenhaus. Die Schulen nicht zu vergessen. Aber erst die gesellschaftliche Einheit mache eine Stadt aus. Sie zeigt sich im nächsten Jahr bei zahlreichen Veranstaltungen, mit denen Königstein die vor 700 Jahren gewährten Stadtrechte feiert. „Offizieller Programmpunkt ist eigentlich nur der Festakt“, sagt Helm. Den Rest steuerten Vereine und Institutionen bei.

Bernhard  Biener Folgen:  

Stadtjubiläen sind ein zweischneidiges Schwert. In die Freude über ein besonders frühes Schriftzeugnis, das eine Siedlung in die dokumentierte Geschichte einführt, mischt sich häufig Skepsis über die exakte geographische Verortung oder mögliche Verwechslungen. So hat man 1982 zwar 1200 Jahre Bad Homburg gefeiert, 2007 aber die 1225 Jahre unerwähnt verstreichen lassen. Denn ob das im Lorscher Codex erwähnte Tidenheim tatsächlich die Siedlung am Fuß der Burg meinte, dessen ist man sich heute nicht mehr ganz so sicher. Im Fall von Königstein geht es nicht um die erste schriftliche Erwähnung, sondern um die Stadtwerdung. Sie ist zwar nicht ganz so lange her, dafür aber eindeutig dokumentiert.

Die Burg als entscheidende Voraussetzung

Obwohl das Original der Urkunde vom 27. Februar 1313 seit Anfang des 17. Jahrhunderts nicht mehr nachgewiesen ist, gibt es identische Abschriften aus dem 15. Jahrhundert. Wie Stadtarchivarin Beate Großmann-Hofmann in ihrem Beitrag für das Jahrbuch 2013 des Hochtaunuskreises schreibt, hat sich in ein Jurisdiktionalbuch von 1668 allerdings ein Schreibfehler eingeschlichen. 1312 ist dort genannt, weshalb man die 600 Jahre Stadtrechte fast schon 1912 gefeiert hätte. Der Wiesbadener Archivdirektor Paul Wagner bestätigte aber das korrekte Datum 1313 und vermutete, womöglich hätten einige Königsteiner die doppelte Unglückszahl gescheut und deshalb bereitwillig 1312 akzeptiert.

Die Burg an der Handelsstraße Frankfurt-Köln, zu jener Zeit vom aus der Pfalz stammenden Geschlecht der Falkensteiner bewohnt, nennt die Stadtarchivarin als die entscheidende Voraussetzung für die Stadtwerdung. Hinzu kamen die guten Beziehungen Philipps III. von Falkenstein zum 1308 gewählten deutschen König Heinrich VII., den er bei dessen Bemühungen um eine Krönung zum Kaiser in Rom unterstützte. Während des jahrelangen Italienaufenthalts hatte Heinrich seinen Sohn Johann mit den Reichsgeschäften betraut. Deshalb war es der vierzehnjährige König von Böhmen und Polen, Generalvikar des Heiligen Reiches diesseits der Alpen und Graf zu Luxemburg, der Anfang 1313 in Augsburg die Urkunde ausstellte. Darin gewährte er Philipp für seine treuen Dienste für den Vater die „besondere Gnade, dass sein Burgflecken, genannt Königstein, zukünftig dieselben Rechte und Freiheiten genießen und gebrauchen soll, welche die Stadt Frankfurt genießt.“

Freiheiten der Königsteiner machten Frankfurtern Sorgen

Ein solches Privileg lässt selbst heutige Regionalpolitiker aufhorchen. Die um ihre Vormachtstellung besorgten mittelalterlichen Frankfurter ließen sich 20 Jahre später vom Kaiser bestätigen, dass damit nur Freiheit der Wochenmärkte und Anwendung des Stadtrechts gemeint seien. Für Königstein war vor allem die Gerichtsbarkeit entscheidend. Das Marktrecht wird in der Urkunde nicht erwähnt. Der erste Wochenmarkt, so Großmann-Hofmann, sei auch erst für das Jahr 1568 auf dem Platz vor dem heutigen Alten Rathaus nachgewiesen.

Die Geschichte der Stadtwerdung, aber auch zahlreiche Aspekte des heutigen Königsteiner Lebens, bilden auf 170 Seiten den Schwerpunkt des Jahrbuchs des Hochtaunuskreises. Deshalb habe man auf eine eigene Publikation zum Jubiläum verzichtet, so Helm. Allerdings werden noch eine Reihe von Broschüren erscheinen oder ein Kulturstadtplan. Viele werden das eigens zum Stadtjubiläum geschaffene Logo tragen. Gedruckt ist das Jubiläumsprogramm Ende Januar erhältlich.

Großer Festzug im August

Die Festveranstaltung ist am 2. März im Haus der Begegnung. Vom 1. Februar an gibt es dafür unentgeltlich Karten bei der Stadtinformation. Bei einer ganzen Reihe von Führungen können im Lauf des Jahres für die Stadtgeschichte bedeutsame Orte erkundet werden, ein Benefizlauf startet am 21. April und die Historie wird in zahlreichen Vorträgen sowie einer Ausstellung des Stadtarchivs erläutert. Am 22. Juni wird der neue Drei-Burgen-Wanderweg eröffnet, der die Burgen Königstein, Falkenstein und Kronberg mit seiner elf Kilometer langen Strecke verbindet. Außerdem stehen viele regelmäßige Veranstaltungen unter dem Eindruck des Jubiläums, allen voran das Burgfest Ende August. Vor allem der Festzug soll außergewöhnlich groß werden.

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Quelle: F.A.Z.

 
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