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„Knastmarathon“ in Darmstadt Die kleine Freiheit im Kreisverkehr

 ·  Beim „Knastmarathon“ in der JVA Darmstadt geht es nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstdisziplin und bessere Perspektiven für Insassen.

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Sonntagmorgen, acht Uhr. Etwa zwanzig Marathonläufer sitzen in einem kahlen Raum auf Holzbänken. Ihre Sporttaschen zwischen den Beinen abgestellt, die Handflächen nach oben auf die Oberschenkel gelegt. Sie werden aufgefordert, keine hektischen Bewegungen zu machen, damit niemand den Hund erschreckt, der in den Raum geführt wird. Der geht aufgeregt von Tasche zu Tasche und schnüffelt. Nach einigen Minuten gibt er Entwarnung: Sicherheitskontrolle erfolgreich bestanden. Die Läufer stehen auf und warten, dass sie durch die Tür gehen dürfen. Kaum einer weiß, was ihn dort erwartet - außer dass jeder von ihnen gleich 42,195 Kilometer laufen wird.

Marathonläufer sind sie alle, aber in einem Gefängnis waren viele noch nie. Den „Knastmarathon“ in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Darmstadt laufen die meisten zum ersten Mal mit. Am Eingang haben sie ihren Personalausweis abgeben müssen, dafür hat man ihnen ein grünes Bändchen um den Arm gebunden. Sie sind vorgewarnt. Sollte es verlorengehen, wird es Probleme geben, wenn sie abends das Gefängnis wieder verlassen wollen.

Trainingsstrecke am Knast vorbei

Als sich die Tür öffnet, klingt den Läufern laute Musik entgegen. Es gibt ein reges Treiben auf dem Hof, Helfer, die Essen und Getränke zubereiten. Und Menschen mit roten T-Shirts. Das sind die Gefangenen. 27 sind es. Sie kommen aus der JVA Darmstadt, der JVA Wittlich und der JVA Dieburg. Zusammen mit 150 externen Läufern wollen sie den 1758 Meter langen Rundlauf innerhalb der Gefängnisanlage bewältigen. Und das 24 Mal. Hans-Georg Busse ist einer der externen Läufer. „Ich komme aus der Nähe“, sagt er. „Meine Trainingsstrecke führt genau am Gefängnis vorbei.“ Heute hat er die Seiten gewechselt und blickt von innen auf die meterhohen Betonwände, die oben mit Stacheldraht gesichert sind.

Alexander Geiss ist diese Aussicht gewohnt. Er sitzt seit einem Jahr wegen Betrugs in der JVA Darmstadt ein: „Als ich gesagt habe, ich möchte beim Marathon mitlaufen, haben alle gesagt, das schafft der sowieso nicht.“ Das habe ihm als Anreiz gereicht. Das Ziel bei seinem ersten Marathon: unter vier Stunden bleiben. Am Handgelenk trägt er einen kleinen Zettel, auf dem steht, wie die Rundenzeiten sein müssen, damit er sein Ziel erreicht. Er hat sie gemeinsam mit den Marathontrainern ausgearbeitet. Sechs Monate haben die Läufer trainiert. Vier bis fünf Einheiten wöchentlich, berichtet Trainer Gerhard Wydra. Die Insassen hätten täglich zwei Stunden Freizeit, die könnten sie sich frei einteilen. Beim Marathonprojekt werde während dieser Zeit trainiert. „Dazu gehören Laufeinheiten und Lauftechnik, Videoanalysen, Gymnastiktraining und Laktattests“, sagt Wydra. Alexander Geiss ist sich sicher, dass ihre Vorbereitung im Gefängnis besser ist als bei vielen Hobbyläufern draußen.

“Drei, zwei, eins, los!“, rufen die Zuschauer gemeinsam, und die Läufer traben los. Der Startschuss falle aus, sagt der Moderator. Das könne man im Gefängnis nicht machen. Die Strecke führt vorbei an einem komplett umzäunten Bereich, in dem sich die Gefangenen befinden, die nicht mitlaufen. Sie jubeln den Läufern zu, von denen jeder ein Schild mit Startnummer und Vorname trägt. „Es ist eine richtig tolle Atmosphäre“, sagt ein externer Läufer, „wenn die dir aus den Gefängniszellen deinen Namen zurufen.“ Manche der externen Läufer hätten in der ersten Runde jedoch auch Angst vor den Gefangenen, sagt Uwe Stölzer, seit 2010 in der JVA: „Aber dann kommt man ins Gespräch, und die merken: Wir sind auch Menschen.“ Es dauert nicht lange, dann vergisst jeder, dass er im Gefängnis ist.

Diese besondere Atmosphäre haben die Läufer dem ehemaligen JVA-Leiter Wigbert Baulig zu verdanken. Die Idee des Knastmarathons zu verwirklichen sei nicht einfach gewesen. „Aber jetzt findet die Veranstaltung schon zum sechsten Mal statt, und er war von Beginn an ein Erfolg.“ Dabei werde der Sport aber nicht nur um des Sports willen betrieben. „Wir wollen die Fähigkeiten wecken, die in den Insassen stecken“, sagt er. Nach dem Motto: „Zeig du uns, was in dir steckt, und wir helfen dir dabei, etwas Gutes damit anzufangen.“ Der jetzige JVA-Leiter Dieter Heinzmann, der Bauligs Amt 2010 übernahm, stimmt zu: „Es geht um Selbstdisziplin und um Erfolgserlebnisse. Wir können hier Voraussetzungen für ein Leben nach dem Vollzug schaffen und die soziale Integration fördern“, sagt er: „Wir bekommen auch Rückmeldungen von ehemaligen Insassen.“ Einer habe ihm berichtet, dass er die Zeit im Vollzug reflektiert und dem Ganzen etwas Positives abgewonnen habe. Es gebe die, die im einen Jahr interne Läufer sind und im nächsten Jahr externe. „Etwas Schöneres können wir uns nicht vorstellen.“

„Ich nehme keine Drogen mehr“

Einer davon ist P., der nach etwa drei Stunden ins Ziel kommt und damit einen der vorderen Plätze erreicht. Während seiner U-Haft habe er vom Darmstädter Marathonprojekt erfahren und darum gebeten, deswegen in die JVA Darmstadt zu kommen. „Ich habe aufgehört zu rauchen, Drogen zu nehmen und Alkohol zu trinken. Der Sport hat mir dabei so enorm geholfen. Das Projekt hat mein Leben verändert“, sagt er, und man sieht ihm die Demut an. Er habe nach seiner Entlassung jedes Jahr teilgenommen und werde auch die nächsten Male dabei sein. „Als Zeichen der Dankbarkeit.“

Alexander Geiss ist nicht ganz so schnell, aber mit 3:52 Stunden ist er klar unter den angestrebten vier Stunden geblieben. „Ich habe mich selbst unterschätzt“, sagt er erschöpft. Externe Läufer, die schon im Ziel sind, und der Leiter der JVA Wittlich begleiten die Gefangenen auf den letzten Runden, um sie zum Durchhalten zu motivieren. Anfeuerungsrufe kommen aus allen Richtungen. Am Ende schaffen es zwölf der 13 Insassen aus Darmstadt ins Ziel.

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Von Matthias Alexander

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