Der Neurologe Thorsten Steiner ist seit Jahresanfang an zwei Krankenhäusern tätig: Er leitet nicht nur die Klinik für Neurologie in Frankfurt-Höchst, sondern ist auch Chefarzt der sogenannten Stroke Unit im neun Kilometer entfernten Hofheim, also der Abteilung, die Schlaganfallpatienten behandelt. Möglich macht dies die mittlerweile siebte Kooperation zwischen dem Klinikum Höchst und den Main-Taunus-Kliniken, die unter dem Vorzeichen einer noch engeren Zusammenarbeit steht. Zuvor hatten die Main-Taunus-Kliniken Uta Meyding-Lamadé vom Frankfurter Nordwestkrankenhaus mit der Leitung beauftragt; der Vertrag war nach fünf Jahren ausgelaufen.
Künftig könnten noch mehr Ärzte zwischen dem Klinikum Höchst und den beiden Standorten der Main-Taunus-Kliniken in Hofheim und Bad Soden pendeln. Denn die defizitären kommunalen Krankenhäuser wollen, wie berichtet, fusionieren, falls alle zuständigen Behörden und Gremien dem zustimmen. Entstehen soll ein Großkrankenhaus mit drei Standorten und zunächst mehr als 3600 Mitarbeitern und rund 1500 Betten. Es ist jedoch anzunehmen, dass mittelfristig sowohl die Zahl der Angestellten als auch die der Betten sinken wird. Denn schon jetzt beklagen die beiden kommunalen Krankenhausgesellschaften, dass ihre Betten unter betriebswirtschaftlichen Aspekten nicht hinreichend ausgelastet seien.
Kirchliche Krankenhäuser sind schon verbunden
Mit dem Fusionsplan für ihr Klinikum in Höchst folgt die Stadt Frankfurt einem Trend. Es gehört zu den letzten Einzelkämpfern der 16 Krankenhäuser in Frankfurt. Die Frankfurter SPD hätte denn auch lieber einen Partner in der Stadt gesucht. Allerdings scheint ihr Vorschlag, eine Zusammenarbeit mit den Frankfurter Stiftungskrankenhäusern (zu denen seit Januar Bürgerhospital, Nordwestkrankenhaus, Hospital zum Heiligen Geist und Clementine-Kinderhospital gehören) zu prüfen, nicht erfolgversprechend. Zu sehr sind diese zurzeit mit der Ausgestaltung der eigenen Fusion von vier Krankenhäusern beschäftigt. Und sie pflegen eine andere Unternehmenskultur, wollen den Einfluss der Politik über die städtische Stiftung Hospital zum Heiligen Geist möglichst gering halten.
Die kirchlichen Krankenhäuser sind schon über ihre Ordensgemeinschaften mit Krankenhäusern in Deutschland verbunden, wie das Krankenhaus Sachsenhausen und das Katharinenkrankenhaus in Bornheim. Marien- und Elisabethenkrankenhaus gehören zur Katharina Kasper gGmbH. Die Diakoniekliniken mit Markus-, Bethanien- und Diakonissenkrankenhaus haben sich schon vor längerer Zeit zusammengetan und 2002 den evangelischen Agaplesion-Konzern mitgegründet. Dieser gilt in der Kliniklandschaft als Erfolgsmodell und Vorbild. Die Rotkreuzschwestern haben ihre Frankfurter Kliniken 1992 fusioniert.
Vorstellungen über Verbund kommunaler Krankenhäuser sind noch vage
Letztlich blieben für eine stadtinterne Zusammenarbeit oder sogar Fusion nur die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik und die Universitätsklinik. Die Unfallklinik liegt am anderen Ende der Stadt. Und die Uniklinik steckt selbst in den roten Zahlen, kämpft mit den Herausforderungen des langwierigen Umbaus und muss zudem medizinische Versorgung mit Forschung und Lehre vereinbaren.
Das Klinikum in den hessenweiten Verbund kommunaler Krankenhäuser einzubringen, der von Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) vorgeschlagen wurde und von dem es bisher nur sehr vage Vorstellungen gibt, scheint Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) als letzte Möglichkeit anzusehen. In einem solchen Verbund hätte die Stadt wenig Mitspracherechte.
Mehrere Fachabteilungen gäbe es doppelt nach einer Fusion
Käme es zwischen Höchst und den Main-Taunus-Kliniken tatsächlich zur Fusion, sollen - wie in einer Absichtserklärung der Politik festgehalten und offenbar von den Geschäftsführungen der Häuser angedacht - „parallel vorgehaltene Fachabteilungen“ mit gleichen Angeboten an einem Standort zusammengelegt werden. Küche und Sterilisation werden als Beispiele für nichtmedizinische Abteilungen in der Vereinbarung genannt. Und selbst wenn die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Heilig und der Landrat des Main-Taunus-Kreises, Michael Cyriax (CDU), am Mittwoch vergangener Woche sagten, über die medizinischen Angebote sei noch nicht gesprochen worden, kursieren in allen Häusern schon Gerüchte über Schließungen und Verlegungen.
Fakt ist, dass es mehrere Fachabteilungen nach einer Fusion doppelt gäbe: Geriatrie, Urologie, Psychiatrie, Orthopädie, Kardiologie, Zentren der Onkologie und vieles mehr. In Hofheim wird diese Woche Richtfest für einen Neubau gefeiert, in dem auch die Geriatrie unterkommen soll. In Frankfurt soll diese Abteilung erst in einem zweiten Bauabschnitt erneuert werden, für den es zurzeit noch kein Geld gibt. Genauso steht es mit der Küche, der Apotheke, der Augenklinik und der Psychiatrie. Da die Psychiatrie einen Versorgungsauftrag für den Frankfurter Westen habe und gut ausgelastet sei, könne sie nicht einfach verlagert werden, meint die Höchster Betriebsrätin Margarete Wiemer. Um den Bestand der Geriatrie sorgt sie sich jedoch. Nun ist zu erwarten, dass öffentlich diskutiert wird, ob gerade alten Patienten das Pendeln zwischen den Standorten zugemutet werden kann.
Bauarbeiten in Höchst sollen erst nach Fusion beginnen
Während im Main-Taunus-Kreis im Grunde alle Parteien die Pläne befürworten, regt sich in Frankfurt schon Widerstand. Protest entzündet sich hauptsächlich an der Verzögerung des Neubaus. Dieser soll jetzt erst in Angriff genommen werden, wenn die Fusionspläne ausgearbeitet sind. Die SPD hat dies schon als „Offenbarungseid“ der Gesundheitsdezernentin bezeichnet, die FDP hat eine Anfrage für die nächste Sitzung des Gesundheitsausschusses gestellt.
Der marode Altbau erschwert den Mitarbeitern in Höchst nicht nur das wirtschaftliche Arbeiten, sondern schreckt auch manchen Patienten ab. Deshalb ist zu bezweifeln, dass sich die an Neubauten gewöhnte Klientel aus dem Main-Taunus-Kreis nach einer Fusion ohne weiteres wie geplant in die Höchster Klinik „umlenken“ ließe. Schließlich gebe es im Umkreis von 20 Kilometern noch 19 andere Kliniken, wie Landrat Cyriax berichtet. Mit der Konkurrenz haben alle drei Kliniken schon jetzt zu kämpfen: Die „Marktausschöpfung“ sei unbefriedigend, heißt es in der Vereinbarung.
Handlungsbedarf besteht in jedem Fall. In Fachkreisen wird erwartet, dass aus wirtschaftlichen Gründen noch in diesem Jahrzehnt Kliniken schließen müssen. Ein besonders hohes Insolvenzrisiko haben demnach die defizitären kommunalen Häuser. Unter diesen Aspekten ist die Eile, mit der Heilig die Fusion vorantreibt, verständlich. Doch selbst nachdem die ersten Gespräche wohl fruchtbar gewesen sind, bleibt abzuwarten, ob es wirklich zum Schwur kommt. Und ob sich aus zwei negativen Geschäftsergebnissen tatsächlich ein positives machen lässt. Vorbild dafür könnte Kassel sein. In der Gesundheit Nordhessen AG arbeitet seit 2002 der städtische Maximalversorger mit den Kliniken des Landkreises wirtschaftlich erfolgreich zusammen.