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Veröffentlicht: 03.11.2012, 18:13 Uhr

Kleiderordnung für Lehrer Was zieh ich bloß in der Schule an...

Manche kommen im Schlabberpulli, andere im T-Shirt, fast alle in Jeans. Korrekte Kleidung gibt es nur im Rektorat. Warum kleiden sich Lehrer oft so merkwürdig?

von Dorothea Friedrich, Frankfurt
© Rothacker, Thilo Lockerer Pulli, noch lockerer fallende Hose: der Kumpel. Im Idealfall ist seine Kleidung trotzdem modisch, im schlechten wirkt sie einfach schlampig.

Nicht Polizist, nicht Pilot. Nicht Feuerwehrmann, nicht Arzt. Keine Kleidervorschriften. Lehrer sein heißt einen Beruf haben, für den es keine Uniform gibt. Jeder Lehrer erfindet heute seine eigene Uniform. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Weit und breit ist keine corporate identity in Sicht, die ihn von dieser Aufgabe erlösen könnte. Wer diesen Beruf ausübt, ist gezwungen, sich selbst zu inszenieren. Wie im wirklichen Leben geht das nicht immer gut. Früher war es schönstens geregelt. Kostüm und Bluse, Anzug und Krawatte. Basta. Aber vorbei. Mit der antiautoritären Erziehung schlich sich der Dresscode-Stress ins Lehrerleben. „Was zieh’ ich morgen an?“ fragen sich verzweifelte Referendare und Referendarinnen, bevor sie den Initiationsritus der ersten Tage schmerzhaft durchlaufen, von der Schülerschaft genauso argwöhnisch beäugt wie vom Kollegium.

Also holt man sich an der üblichen Stelle Rat, im Internet. Anrührend die Blogs zum Thema „Jeans oder Stoffhose?“ Er fahre schließlich mit dem Rad zur Arbeit, rechtfertigt ein Junglehrer sein konsequentes Jeans-Tragen. Ein anderer widerspricht: Er begegne frühmorgens Bankern, die auch mit dem Fahrrad führen - im Anzug.

Hawaiihemd und Clownskostüm

Banken kontra Schulen. Sind Kunden, denen die Gnade gepflegter Kleidung des Gegenübers klaglos gewährt wird, bessere Menschen als Schüler? Auch würde bestimmt kein Lehrer im Hawaiihemd um einen Kredit bitten. Aber es ist wohl komplizierter. Nachfragen bei Pädagogen ergeben folgendes Bild: Zwischen Lehrenden und Lernenden findet unablässig ein Kräftemessen statt, ein Ausloten von Nähe und Distanz. Den Eindruck von Kumpanei sucht der Lehrer zu vermeiden, den Eindruck, ein Wesen aus einer anderen Sphäre zu sein, aber auch.

Schüler, sagt eine Lehrerin, würden nach kurzer Gewöhnung nicht mehr wahrnehmen, was ein Lehrer trägt. „Käme einer im Clownskostüm, würde es nach einer Woche keiner mehr merken.“ Einstimmig bestreiten alle Befragten einen Zusammenhang zwischen der Kleidung eines Kollegen und dessen Ansehen bei den Schülern. Auch dann, wenn sie im selben Atemzug schwere Fälle merkwürdiger Kleidung bei der Arbeit beschreiben: ärmelloses T-Shirt zur Wanderhose. Knappe Jeans, die beim Bücken den Blick auf die Pospalte eröffnet, sei alles schon vorgekommen. Darauf folgt prompt die glaubwürdige Beteuerung, die so etwas trugen, seien trotzdem hervorragende Lehrer gewesen, die sich eines guten Rufs erfreut hätten. Die jungen Referendare im Netz erinnern sich jedoch sehr genau und mit Abscheu an Lehrerinnen, deren Tangas ihnen in jeglicher Farbe und Form geläufig waren. Und manchmal dringt bis ins feixende Lehrerzimmer durch, dass Kolleginnen mit unrasierten Beinen von den Schülern darob mit sehr deutlichen Spott-Begriffen belegt werden.

Kritische Augenpaare überall

Henryk Pattensen, bis vor kurzem Lehrer an einer Wiesbadener Gesamtschule, hat sich ausführlich mit dem Bild des Lehrers in der Literatur befasst und erinnert an den verstörenden Roman „Die Klasse“ (1927) von Hermann Ungar, in dem die panische Angst des Lehrers Blau vor seinen Schülern eine zentrale Rolle spielt. So lässt ihn die Furcht vor dem Spott der Schüler über den womöglich schon glänzenden „Hosenboden und Stoff an den Ellbogen“ so paranoisch werden, dass er der Klasse niemals den Rücken zukehrt, die Ärmel nach innen verdreht und während des gesamten Unterrichts die Arme eng an den Körper presst. Für Lehrkräfte, soweit sie Kleidungsfragen überbaupt refkletieren, ist es immens wichtig, bei der Entscheidung zugunsten einer bestimmten Garderobe die Kontrolle über das eigene Aussehen nicht zu verlieren. „Schick, aber geschützt“, nennt Pattensen ein mögliches Ergebnis solcher Überlegungen.

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