Ihren 16. Geburtstag hat Corinna Göpfert aus Großostheim am Ostersonntag noch auf hoher See zwischen den Azoren und dem englischen Städtchen Falmouth gefeiert. Seit einigen Tagen hat die Schülerin des Aschaffenburger Dalberg-Gymnasiums wieder festen Boden unter den Füßen, jede Menge Platz für sich alleine, eine geregelte Nachtruhe, so viel frisches Obst, wie sie mag, die tägliche Dusche und schon wieder Sehnsucht nach dem Leben auf der „Thor“. 190 Tage war sie unterwegs, davon rund 12000 Seemeilen auf dem Dreimasttoppsegelschoner „Thor Heyerdahl“, aber auch zu Fuß, auf Fahrrädern, im Bus, mit einer Pferdekutsche und im Einbaum.
Mit 60.000 Fotos, den Erinnerungen an „total viele schöne Momente“, neuen Freunden, mehr Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein ist die Jugendliche wieder nach Hause zurückgekommen. Im vergangenen Jahr hatte Corinna beschlossen, ihr Klassenzimmer im Dalberg- Gymnasium gegen ein „Klassenzimmer unter Segeln“ (KUS) einzutauschen, und sich für die Reise beworben. Seit vier Jahren gibt es das KUS-Projekt des Instituts für Sportwissenschaft und Sport der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Es soll unter anderem dazu dienen, neue Lernwege zu erforschen und zu prüfen. Die Teilnahme an KUS ist vom Bayerischen Kultusministerium als Schulbesuch im Ausland anerkannt. Der Unterricht an Bord und in fremden Ländern basiert auf dem bayerischen Lehrplan der zehnten Jahrgangsstufe. Neben den bekannten Unterrichtsfächern, wie Biologie, Englisch oder Mathe, stehen auch astronomische Navigation, die Windsysteme und in Physik die Segeleigenschaften auf dem Programm. Während einer dreiwöchigen Landexkursion erkundeten Corinna und die anderen 31 Jugendlichen in Panama mit einem Biologen den tropischen Regenwald. Dazu gehörte ein mehrtägiger Besuch bei den Nasos-Indianern.
Rund 15.000 Euro teure Reise
Mittlerweile sei das Projekt, das anfangs umstritten war, bei den meisten Schulleitern anerkannt, sagt die Leiterin Ruth Merk. KUS folgt den Spuren der großen Entdecker, wie Alexander von Humboldt oder Christoph Columbus. Die vierte Reise begann im Oktober 2011 in Kiel, führte über Teneriffa, die Kleinen Antillen und Grenada, nach Panama und Kuba. Stationen der Rückreise waren die Bahamas, die Bermudas und die Azoren. „Ziel von KUS ist es, junge Menschen in ihrer Selbstständigkeit, ihrer Eigeninitiative und ihrem Verantwortungsgefühl zu stärken und sie auf die Anforderungen einer komplexen, globalisierten Welt vorzubereiten“, sagt Merk. Auf engstem Raum werden Rücksichtnahme, Toleranz, Konfliktfähigkeit und Teamgeist gefordert und gefördert.
„Das Schönste war für mich, zu sehen, wie die Gruppe funktioniert, das war genial“, erzählt Corinna. Für das Einzelkind war es zunächst ungewohnt, so gut wie niemals in den sechs Monaten alleine zu sein. Sie hat die Gemeinschaft und das enge Zusammenleben jedoch in vollen Zügen genossen. Die Schülerin „bewohnte“ mit drei anderen Mädchen eine Kammer, ihre schmale Koje, 80 Zentimeter breit und 1,80 Meter lang, sorgte bei dem zierlichen Mädchen nicht für schlaflose Nächte. In der Karibik gab es sogar eine attraktive Ausweichmöglichkeit: „Da haben wir die meiste Zeit in Hängematten auf Deck geschlafen.“ Doch bevor die Jugendlichen Weihnachten auf einer kleinen karibischen Insel unter Palmen feiern konnten, mussten sie gleich zu Beginn der Reise bei Dänemark einen schweren Sturm überstehen. „Skagen“ sei an Bord zum „Unwort“ geworden, so Corinna, die sich auch Monate später noch mit Schaudern an fünf bis sechs Meter hohe Wellen und die Seekrankheit erinnert. Die 18Mädchen und 14 Jungen haben während der gesamten Reise an Bord mitgearbeitet. Sie setzten, bargen und reparierten Segel, während des Wachdienstes absolvierten sie die nautische Ausbildung zu der Navigation, Wetterkunde, Schifffahrtsrecht und Seefunk zählen. Während der „Backschaft“ waren Corinna und ihr Team für die Verpflegung der gesamten Besatzung von rund 50 Personen zuständig. Die Zubereitung eines Fünf-Gang-Menüs an Weihnachten sei bei hohem Seegang eine echte Herausforderung gewesen, so Corinna. Zu den Aufgaben des Bordalltags gehörte auch „Reinschiff“, das Großreinemachen. Gerne erinnert sich Corinna an die frühmorgendlichen Wachen von fünf bis acht Uhr, wenn sie, mit dem Klettergurt gesichert, vom Ausguck auf dem Achterdeck die Sonnenaufgänge genießen konnte. Höhepunkte der Reise waren die beiden Schiffsübergaben an die Jugendlichen, bei denen sie alle verantwortungsvollen Positionen, wie etwa Kapitän, Wachführer, Bootsmann und Maschinist, übernahmen.
Auch Kinder, deren Eltern sich die rund 15.000 Euro teure Reise mit der „Thor Heyerdahl“ nicht leisten können, haben nach Auskunft von Projektleiterin Merk durchaus die Chance, mit dabei zu sein, da Stipendien vergeben werden. Von allen Bewerbern wird neben einem guten Zeugnis, Motivation, Neugierde und Aufgeschlossenheit erwartet. Die Thor Heyerdahl verlässt im Oktober zum fünften KUS-Törn ihren Heimathafen Kiel. Im Juni treffen sich 50 Schüler, die aus 170 Bewerbern ausgewählt wurden, zum Probetörn in die Ostsee. Danach entscheidet sich, wer auf die nächste große Reise geht. Zwei Mädchen aus Corinnas Schule stehen bereits in den Startlöchern.