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Kindertanztheater : Ein Tanz auf Welttournee

Entdecke das Monster in dir: Szene aus Andrea Simons Kindertanztheater „Minotaurus“. Bild: Bernd M. Nieschalk

Seit 15 Jahren arbeitet die Tänzerin und Choreographin Andrea Simon mit Kindern in ihrem Tanzplan Hofheim. Nun ist aus ihrem „Minotaurus“ ein Film geworden.

          „Kein Hunger!“ ruft Julius, als das Essen auf dem Tisch steht. Dem Vater dürfte schwanen, was die Zuschauer längst gesehen haben: Während Julius in seiner Kuschelecke geschmökert hat, zog er immer wieder aus seinem Geheimversteck eine Tüte mit Gummibärchen hervor, die nach Farben sortiert hingerichtet wurden: Ein Häufchen Rote, eine Serie Grüne...

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Leben ist hart, nicht nur für Gummibärchen und Kinder, die keine Lust auf Mittagessen haben. Aber Julius geht es gut, genau wie Lea, Anna und Céline. Sie haben ein eigenes Zimmer, sogar einen Hund, sie üben Geige und gehen zum Turnen, experimentieren mit Chemiebaukästen und haben Eltern, die jedes ihrer Talente fördern. Auch das zum Tanzen.

          Wie das Stück Kinder verändert

          Dass die vier Kinder wissen, wie schwierig das Leben sein kann, liegt nicht nur an Erlebnissen, in der Schule etwa. Sie haben sich das erarbeitet und es erfahren im Tanz. Anna Bender, Lea Andreutti, Julius Weck und Céline Ahmelmann sind die Darsteller im Stück „Minotaurus“, das sie gemeinsam mit ihrer Tanzpädagogin Andrea Simon im Tanzplan, einer Schule, Werkstatt und Tanzcompagnie für Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene in Hofheim am Taunus, erarbeitet haben. Mehr als zwei Jahre ist das nun schon her. „Minotaurus“ spielt mit Motiven des antiken Mythos und verhandelt doch auch das, was man in Schulen Mobbing nennt. Das Stück, in dem vier Kinder Wut, Gewalt und Einsamkeit, Ausgrenzung, Schwäche und Stärke ausdrücken und den Zuschauern eindringlich nahebringen, ist abgespielt. Aber der „Minotaurus“ wirkt nach. Und erreicht nun ein neues Publikum: als Dokumentarfilm.

          „Am Anfang hell, am Ende dunkel“, nach dieser Beschreibung der Kinder für das, was in „Minotaurus“ passiert, hat Andrea Simon ihren gemeinsam mit Fabio Stoll gedrehten Dokumentarfilm betitelt. In einer knappen Dreiviertelstunde begleitet er die vier jungen Hauptdarsteller und das ganze Team bei den Proben zu „Minotaurus“. Der Film fragt, was ein solcher Stoff mit den Kindern macht - und vor allem, was sie mit dem Stoff machen.

          Ein Film geht auf Welttournee

          Ihre Charaktere, die Schwachen und Starken, haben die vier jungen Darsteller selbst entwickelt: „Wie wäre so eine Person, was würde dein Mitleid erregen?“, hat Simon etwa gefragt. Die Kinder haben Fragebögen selbst geschrieben: „Hast du schon mal gemobbt?“ „Da kam sehr deutlich heraus, dass jeder das schon mal vollzogen und durchlitten hat“, sagt Simon. Von diesen Erfahrungen, ihrer Identität im Alltag wechseln die Kinder in ihre Rollen - der Film zeigt diese beiden Existenzen und wo sie einander berühren.

          25 Jahre Tanzplan: Andrea Simon mit ihren Darstellern.
          25 Jahre Tanzplan: Andrea Simon mit ihren Darstellern. : Bild: Kretzer, Michael

          Nun hat Andrea Simon den Film, der auf Englisch und mit den Kindern synchronisiert „Bright and Dark“ heißt, gewissermaßen auf Welttournee geschickt. Seine internationale Premiere hatte er am 18. November in Lagos, beim EKO Filmfestival von Nigeria, Ende Januar startet „Bright and Dark“ sowohl beim Festival Jumpthecut in Singapur als auch beim achten internationalen Kinderfilmfestival in Bangladesch. Derzeit reist der Film, gewissermaßen virtuell, nach Manaus, Brasilien: Von jetzt an bis 24. Januar ist er online bei Mica Filmfestival zu sehen (http://www.micafilmfestival.com/#!bright-and-dark/cydb), und jeder, der den Film dort ansieht, kann ihn mit einem Votum im Publikumswettbewerb bedenken. Bisher war „Am Anfang hell, am Ende dunkel“ nur ein paar Mal in Hofheim zu sehen - hauptsächlich für all die Kinder und Eltern, die Laien und Profis, die seit Jahren mit Simon arbeiten. Denn Tanzplan ist, neben den Stücken, die von und mit Kindern, bisweilen auch mit Erwachsenen, aber stets mit einem professionellen Team entstehen, heute zu großen Teilen das Training und die oft daraus entstehenden Projekte, die Simon seit vielen Jahren in der Stadt am Taunus anbietet. Sie unterrichtet freien Tanz für Kinder und Jugendliche, auch Kurse für Erwachsene gibt es. Seit 1990 arbeitet Simon unter dem von ihr gegründeten Label Tanzplan - 2015 kann sie fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiern.

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