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Veröffentlicht: 16.03.2012, 17:31 Uhr

Kindermisshandlungen „Bitte keine Gewalt“

Die Johannesberger Ärztin Anke Diehlmann erlebt in ihrer Sprechstunde täglich, welche Folgen die Misshandlung von Kindern hat. In zwei Büchern zeichnet sie Fälle aus der eigenen Praxis auf.

von
© Wohlfahrt, Rainer Will Kindern helfen: Anke Diehlmann.

Eltern schlagen ihre Kinder zwar weniger und auch kaum noch aus Überzeugung, sondern eher aus Hilflosigkeit und Überforderung. Das zumindest ist das Ergebnis einer vor wenigen Tagen veröffentlichen Forsa-Umfrage. Aber immerhin der Hälfte der Mütter oder Väter in Deutschland rutscht bei der Erziehung die Hand aus. Vier von zehn Eltern bestrafen ihr Kind mit einem „Klaps auf den Po“, zehn Prozent verteilen Ohrfeigen und vier Prozent der Befragten bekannten sich dazu, ihrem Nachwuchs den Hintern zu „versohlen“. Welche Folgen früh erlittene Gewalt hat, weiß Anke Diehlmann, die gemeinsam mit ihrem Mann in dem kleinen Ort Johannesberg bei Aschaffenburg seit 1991 eine Gemeinschaftspraxis betreibt, aus der täglichen Arbeit.

Die Medizinerin hat in ihren Büchern „Bitte keine Gewalt“ und „Der Körper packt aus“ Fälle von Patienten (anonymisiert und mit deren Einverständnis) veröffentlicht. Sie zeigen, dass es Kindesmisshandlung überall gibt: im idyllischen Johannesberg genauso wie in der Großstadt, in bürgerlichen Familien ebenso wie in bildungsfernen Haushalten. „Das geht quer durch alle Schichten“, sagt Diehlmann und bestätigt damit die Ergebnisse der Umfrage, wonach es nicht von der Bildung, vom Einkommen oder der Herkunft der Eltern abhängt, ob sie ihre Kinder schlagen.

„Verheerende Dinge kamen ans Licht“

Die Allgemeinärztin hat in ihrer Sprechstunde in Abgründe geblickt. Sie hörte von Prügelstrafen, absichtlich zugefügten Verbrennungen, von Hausarrest oder dem Einsperren in einem Schrank, von Essensentzug und Hunger, Bevormundung und Erniedrigung. Diehlmann erlebte Erwachsene, die unter Ängsten, Depressionen, Essstörungen und Panikattacken litten, die schwermütig und bedrückt waren, obwohl sie eigentlich doch ein schönes Leben führten: einen lieben Partner hatten, ein großes Haus und einen Job.

Die Ärztin fragte nach, „und es kamen verheerende Dinge ans Licht“, erinnert sie sich. Die Menschen öffneten sich ihr gegenüber auch deshalb, weil sie wussten, dass Diehlmann an die ärztliche Schweigepflicht gebunden ist.

Jeder Klaps sei falsch

Mit ihren Büchern will sie die Gesellschaft dafür sensibilisieren, dass jede Gewalt an Kindern abzulehnen ist. Dazu zählt sie auch den einfachen Klaps oder den „bösen Blick“, der drohend und gezielt eingesetzt werde, um Kinder einzuschüchtern. Diehlmann, die selbst vier erwachsene Kinder hat, sagt, sie wolle Eltern nicht an den Pranger stellen. Sie versteht durchaus, dass Eltern nach einem anstrengenden Tag die Nerven verlieren und Frust oder Überforderung am Kind auslassen.

Für richtig hält sie das aber nicht. Denn jeder Klaps oder jede Strafe sei ein Zeichen der eigenen Unzulänglichkeit und dürfe nicht verharmlost werden, meint sie. Wichtig sei in einem solchen Fall, sich zu entschuldigen und zu erklären, weshalb man die Beherrschung verloren habe. Auch Eltern dürften Schwächen zeigen. „Ich verlange von ihnen keinen Heiligenschein.“

Körper leide ein Leben lang

Aber Gewalt dürfe nicht mit Absicht geschehen und als etwas Gutes zum Wohle des Kindes dargestellt werden, verlangt sie. Denn dies verwirre das Kind. Es fühle sich allein gelassen und unverstanden, schäme sich und gebe sich häufig sogar die Schuld dafür, dass es geschlagen werden „musste“.

Diehlmann, die auch als Therapeutin im Sinne des Therapiekonzepts der Psychoanalytikerin und Kindheitsforscherin Alice Miller arbeitet, ist der Überzeugung, dass Gewalt in der Kindheit ein Trauma ist, weil es so früh passiert und weil die Eltern die „Täter“ sind, denen das Kind bedingungslos vertraue und die es doch liebe. Sie ist überzeugt, dass der Körper unter dieser Gewalt ein Leben lang leidet und ständig versucht, sich in Symptomen und Krankheiten mitzuteilen. Die Ärztin empfiehlt Betroffenen, das eigene Leiden nicht länger zu leugnen und sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das ist ihrer Ansicht nach umso wichtiger, weil die meisten Eltern, die ihre Kinder schlagen, dies früher selbst erlebt haben. Kein Wunder: Denn bei ihnen hat sich eingeprägt, dass Gewalt als Mittel der Konfliktlösung zulässig ist.

Diehlmann verfolgt nach eigenen Worten einen therapeutischen Ansatz, der sich von herkömmlichen Methoden unterscheidet. Sie bleibe nicht neutral, sondern stelle sich immer auf die Seite des ehemaligen Kindes. Und: Sie schone die Eltern nicht, sondern verurteile Übergriffe und Gewalt. „Ich würde nie sagen, dass meine Patienten ihre Eltern verstehen oder ihnen verzeihen müssen. Dies ist zwar nicht verkehrt, aber ich verlange es nicht“, sagt Diehlmann.

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