Die Sprenkelhohle ist ein Kinderparadies: ein verwunschener, schmaler Waldweg, links und rechts steile Wände, die von zahlreichen Höhlen und dicken Baumwurzeln durchzogen sind. Der perfekte Ort, um Streifzüge durchs Unterholz zu unternehmen, zu klettern, sich zu verstecken, um Abenteuer zu erleben. Seit Donnerstag ist der schmale Hohlweg ein trauriger Ort. Am vierten Tag der Waldwoche des Kinderhauses „Zaubergarten“ ist ein fünf Jahre altes Mädchen in der Sprenkelhohle von einem großen Lehmbrocken, der sich aus der sechs bis acht Meter hohen Lehmsteilwand gelöst hatte, so schwer verletzt worden, dass es kurze Zeit später im Aschaffenburger Klinikum verstarb (die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Mai berichtete).
Die 16.000 Einwohner zählende Marktgemeinde bei Aschaffenburg hatte am Donnerstag gleich zweimal bundesweit für Medieninteresse gesorgt: Vormittags berichtete man über den Großostheimer Schüler, der in der griechischen Partnerstadt Olympia die Fackel getragen hatte, am späten Abend kam dann die Nachricht von dem tragischen Tod des kleinen Mädchens. Dritter Bürgermeister Kurt Geiß (FL/FWB), der für den abwesenden Rathauschef Hans Klug (CSU), der ebenfalls nach Olympia gereist war, die Gemeinde gestern bei der Pressekonferenz vertrat, war sichtlich erschüttert. Die Eltern hätten bei dem Unglück ihr einziges Kind verloren. Es habe immer wieder kleinere „Abrisse“ in der Höhle, die seit 1983 unter Landschaftsschutz stehe, gegeben. „Ein derartiges ,Steilwandversagen‘ hatten wir noch nie, lediglich immer wieder kleinere Erosionen“, betonte auch Alexander Schaad, Geschäftsleiter der Verwaltung.
Der Gefahr der Steilwände war sich niemand bewusst
Rund 32 Kilometer Hohlwege, die seit Jahrhunderten begangen werden, durchziehen die Gemarkung. Die Sprenkelhohle ist nicht nur ein beliebter Spielplatz für Kinder und Treff für Jugendliche - „Ich liebe Dich“ hat jemand in die Wand geritzt -, sondern auch Teil des Kulturwanderwegs „Früchte des Löß“ des Archäologischen Spessartprojekts. Wann der knapp zwei Kilometer lange Weg durch die Hohle, der direkt nach dem Unglück gesperrt wurde, wieder freigegeben wird, ist noch offen.
Gerhard Eck (CSU), Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, der gestern von einem Termin in Aschaffenburg an die Unglücksstelle gekommen war, sprach von einem „unbeschreiblichen“ Unglücksfall. Es gelte, vernünftig und sachlich, ohne Vorverurteilungen, zu ermitteln. Der Unfall müsse dafür sensibilisieren, die Verkehrssicherungspflicht ernst zu nehmen und Wanderwege zu kontrollieren. Die Gemeinde habe verantwortungsbewusst gehandelt. Vor drei Jahren seien Bäume gefällt worden, außerdem sei der Weg jährlich, zuletzt im April, kontrolliert worden, so Schaad. Es habe keine Erkenntnisse gegeben, dass von den Steilwänden Gefahr ausgehe.
Ein Trauergottesdienst ist geplant
„Es wird in alle Richtungen ermittelt“, sagte Michael Zimmer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Unterfranken. Zur Klärung der Unfallursache schaltete die Kripo Aschaffenburg, die in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg die Ermittlungen führt, eine Geologin ein, die den Unglücksort schon besichtigt hat. Allerdings sei erst in etwa zwei Wochen mit Ergebnissen zu rechnen, so Zimmer.
Während im Hintergrund ermittelt wird, kümmert sich ein Team der Notfallseelsorge um die 14 Kindergartenkinder, die Zeugen des Unglücks wurden, deren Eltern, die beiden Erzieherinnen und den Erzieher der Gruppe. Das Kinderhaus war am Freitag geöffnet. In der nächsten Woche wird es einen Elternabend geben. Die meisten Kinder, die erleben mussten, wie ihre Freundin von Gesteinsbrocken erschlagen wurde, sind am Freitag mit ihren Eltern in die Einrichtung gekommen. „Kinder nehmen diese Situation langfristig leichter als die Eltern, daher ist es sinnvoll, ihnen möglichst viel Normalität zu geben“, sagte Notfallseelsorger Peter Karl Kolb. Die Familientagesfeier zum Muttertag, die für Freitagnachmittag geplant war, wurde jedoch abgesagt. Anfang nächster Woche wird es einen Trauergottesdienst geben, am Dienstagabend wird der Gemeinderat nach Auskunft von Geiß in seiner Sitzung darüber beraten, wie in Zukunft mit den zahlreichen Hohlwegen umgegangen werden soll.

