Home
http://www.faz.net/-gzg-76z95
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Kinderbetreuung Was macht der Förster in der Kita?

Bald haben Eltern Anspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige. Jetzt regelt das Land die Bedingungen in Kindertagesstätten neu. Für den Gesetzentwurf, der unter anderem auch Fachfremde als Erzieher vorsieht, hagelt es Kritik.

© Wonge Bergmann Vergrößern Zeichenstunde, aufgenommen in einer Frankfurter Kindertagesstätte.

Wenn Norbert Neuß an die Sache mit dem Förster denkt, muss er lachen. Es ist ein bitteres Lachen, das der Gießener Erziehungswissenschaftler durch die Telefonleitung schickt. Ein Förster in einem Waldkindergarten? „Fragen Sie den doch erst mal, ob er für ein Erziehergehalt arbeiten will“, sagt Neuß.

Der Waldhüter ist so etwas wie ein Symbol in dem Streit, der zur Zeit um etwas tobt, das dem Namen nach eigentlich Gutes verheißt: Die schwarz-gelbe Landesregierung plant ein Kinderförderungsgesetz. Seine Auswirkungen sind umstritten, wegen eines Punktes vor allem: Von 2014 an sollen in Kindertagesstätten auch Angestellte als Fachkräfte arbeiten dürfen, die keine Erzieherausbildung haben. Flexibilität zu erreichen, ist das Ziel, das die CDU/FDP-Koalition in diesem Zusammenhang formuliert. Ist doch toll, soll das wohl heißen, wenn ein Förster den Steppkes im Waldkindergarten erklärt, was es mit Bäumen und Tieren auf sich hat. Oder wenn sich ein Logopäde um die Sprachprobleme der Kinder mit ausländischen Wurzeln kümmert.

3000 Erzieher fehlen in Hessen

Wer immer in diesen Wochen den Entwurf zum Kinderförderungsgesetz - seine offizielle Abkürzung heißt Kifög - kritisiert, erwähnt den Punkt mit den Nichtfachkräften. „Die schlechteste aller Antworten“ auf den Mangel an Erziehern sei das, sagt Neuß. Man könnte einwenden, dass er das sagen muss, schließlich lehrt er an der Uni Gießen Pädagogik der Kindheit und ist daher von Berufs wegen dafür, die Arbeit in den Kitas zu professionalisieren.

Doch der Verdacht liegt tatsächlich nahe, dass die Landesregierung versucht zu kaschieren, was sie in den vergangenen Jahren versäumt hat: „Es hätte eine Ausbildungsoffensive für Erzieher geben müssen“, findet Neuß. Studien zufolge fehlten allein in Hessen rund 3000 Erzieher. Das ließe sich ändern, ohne fachfremdes Personal zu verpflichten, sagt Neuß, auch kurzfristig: Zum Beispiel, indem es deutlich mehr jungen Leuten ermöglicht würde, eine berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher zu machen.

Neuß: Kindergartenleiter sollten Studienabschluss haben

Dass es durchaus junge Frauen und auch viele Männer in Berufe zieht, die mit Kinderbetreuung zu tun haben, weiß der Professor aus eigener Erfahrung. 60 bis 90 Studienplätze im Bachelor-Studiengang Pädagogik der Kindheit hat er zu vergeben. Etwa zehnmal so viele Studienwillige bewerben sich in der Regel in Gießen. Ginge es nach Neuß, würden in Hessen viel mehr solcher Studienplätze geschaffen. Aus seiner Sicht müssten alle Leiter und Leiterinnen von Kitas einen derartigen Studienabschluss haben.

So wie Dorle Horcher. Die 48Jahre alte Diplompädagogin leitet für den Verein Lebenshilfe drei Einrichtungen in Frankfurt. Am Tag zuvor hat sie beim Frankfurter Ordnungsamt eine Demonstration gegen das Kinderförderungsgesetz angemeldet, gleich wird sie sich als Blumenwiese verkleiden, um mit den Kindern Fastnacht zu feiern. Vorher will sie etwas loswerden: „Wir kämpfen um unser Image“, sagt sie. Die Anforderungen an Erzieher seien stark gestiegen in den vergangenen Jahren. Das Bild vom Personal, das viel Zeit hat, um Kaffee zu trinken, während die Kleinen toben, hätten manche vielleicht noch im Kopf, aber es sei längst überholt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Runder Tisch zu Kinderbetreuung Finanzierung neuer U3-Plätze wird vereinfacht

Bei einem Runden Tisch in Wiesbaden haben Politiker, Initiativen und Kita-Vertreter Möglichkeiten der Kinderbetreuung in Hessen diskutiert. Der Minister spricht von einem Erfolg. Mehr

11.07.2014, 08:00 Uhr | Rhein-Main
Kita-Ausbau Der Bedarf steigt rasant

Seit bald einem Jahr gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige. Der Kita-Ausbau geht auch zügig voran - doch vor allem in einigen Großstädten im Westen gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. Mehr

16.07.2014, 08:31 Uhr | Politik
Frankfurt - die wachsende Stadt Jedes Jahr eine neue Grundschule

Der Investitionsbedarf ist riesig, die Gymnasien sind überfüllt, für Grundschüler fehlen Hortplätze. Und doch ist die steigende Schülerzahl ein Problem, das andere gern hätten. Mehr

17.07.2014, 11:40 Uhr | Rhein-Main

Prinzip Hoffnung hilft Eintracht nicht weiter

Von Marc Heinrich

Eintracht Frankfurt hat die Abgänge von Rode, Schwegler und Joselu nicht ausreichend kompensiert. Von Verstärkungen ganz zu schweigen. Es droht eine Spielzeit, die früh lediglich eines verspricht: viel mehr Schrecken als Spaß. Mehr 3 8