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Kinder von Willy Praml Wenn nichts so natürlich ist wie das Theaterleben

 ·  Sie wandeln auf den Spuren ihres Vaters Willy Praml und unterstützen ihn bei seiner Arbeit: Joanna ist freie Schauspielerin und Regisseurin, Gregors Schwerpunkt ist die Bühnenmusik.

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Welcher Papst bei ihm Pate gestanden hat, weiß er nicht. Aber seine Schwester weiß es umso besser: „Dieser strenge aus dem Mittelalter.“ Joanna-Maria Praml grinst: Ihren Namen soll der Legende nach eine Päpstin Ende des 11. Jahrhunderts getragen haben. Gregor Praml runzelt die Stirn: Mit Gregor VII., der Kaiser Heinrich IV. in Canossa die Stirn bot, hat er nicht viel im Sinn. Was sich sein Vater dabei wohl gedacht haben mag? Willy Praml, Prinzipal des gleichnamigen Theaters in der Naxos-Halle, wurde von Pallotinern erzogen. Er ist bibelfest und zu Hause in der Kirchengeschichte. Das merkt man immer wieder seinen Inszenierungen an. Seine Kinder sind anders. Dennoch wandeln sie auf den Spuren des Vaters: „Wir sind totale Theaterkinder“, sagt Joanna Praml, und ihr Bruder nickt zustimmend.

Seit Jahren ist Gregor für die Bühnenmusik im Theater Willy Praml verantwortlich. Auch die zweite Frankfurter Inszenierung seiner Schwester hat er musikalisch begleitet. Erst Ende Mai hatte „Leonce und Lena“ auf Naxos Premiere. „Mein erster Klassiker“, seufzt Joanna. Der Vater hatte ihr das Lustspiel von Georg Büchner vorgeschlagen: „Aber ich habe das Reclamheft in die Ecke geschmissen.“ Dann fand sie doch noch den Zugang. „Das ist die Realität meiner Generation. Leonce hat alle Möglichkeiten, aber die totale Verfügbarkeit der Dinge macht ihn unfrei. Er sehnt sich nach Grenzen in der Grenzenlosigkeit“, erläutert sie ihre Lesart des Stücks. Ihre Inszenierung mit hundert Einkaufswagen sollte nicht nur Konsumkritik sein. „Was kann man diesem System noch entgegensetzen, wie ausbrechen?“, fragt sie sich.

Viele Umzüge

Geboren wurden sie beide in Offenbach, Gregor 1974, Joanna 1980. Da die Mutter aus Frankreich kam, wuchsen sie zweisprachig auf: Gregor zunächst in Dietzenbach, Joanna im benachbarten Götzenhain, wo die Mutter nach der Trennung vom Vater 1981 hinzog. Beide Kinder schwärmen von ihrer Mutter, die schon als Kind zwei Klassen übersprungen hatte, dann als Juristin promovierte und jetzt als Unternehmensberaterin in Düsseldorf und Paris tätig ist. „Das echte Leben haben wir mit unserer Mutter geführt, aber sie hat uns ans Theater verloren. Dabei ist sie selbst sehr theateraffin“, sagt Joanna. Über einen Theateraustausch hatten sich die Eltern ja auch kennengelernt, und die Mutter hatte dazumal neben dem Vater als weißem Clown den dummen August in einem Brecht-Stück gespielt.

In Götzenhain ging Joanna zur Grundschule, Gregor besuchte in Frankfurt das Gagern-Gymnasium. Die neunte Klasse absolvierte er in Paris, während die Mutter nach abermaliger Heirat mit Joanna nach Düsseldorf zog. Dann nach Hamburg und wieder zurück nach Düsseldorf, wo beide Geschwister am Erzbischöflichen Gymnasium das Abitur machten. Die vielen Umzüge hat Joanna Praml in schlimmer Erinnerung: „In Düsseldorf war ich sehr allein mit meinen acht Jahren.“ Der große Bruder war fort und damit „der Ruhepol der Familie“. Auch Gregor erinnert sich an eine sehr enge Geschwisterbeziehung: „Wir haben immer zusammen Pizza gegessen. Das tun wir auch heute noch gern.“ Noch immer wirkt er wie ein Ruhepol neben seiner quirligen Schwester.

Shakespeares „Sturm“ inszeniert

Nach dem Zivildienst studierte Gregor Praml ein Semester lang in der Frankfurter Musikwerkstatt und ging dann für vier Jahre nach Weimar an die Hochschule für Musik Franz Liszt. Er belegte Jazz und Popularmusik, lernte den Kontrabass spielen. Klavierunterricht hatte er schon als Kind bekommen. Seine Schwester musste Geige lernen: „Ich habe es gehasst“, kommentiert sie heute. „Das ist auch ein schweres Instrument“, springt ihr der Bruder bei. Sie orientierte sich an Anne-Sophie Mutter, ignorierte die Geige aber zwischen den Unterrichtsstunden. Jetzt zieht sie eine Packung CDs aus der Tasche: Lorin Maazel als Geburtstagsgeschenk vom Vater. Gregor schmunzelt. Schon während des Studiums hatte er die Musik für die ersten Inszenierungen seines Vaters gemacht: 1996 für das Fassbinder-Stück „Blut am Hals der Katze“.

Die Bühnenmusik ist sein Arbeitsschwerpunkt geblieben. Inzwischen arbeitet er auch mit Joannas Ehemann, dem Regisseur Karsten Dahlem, zusammen. In Koblenz haben die beiden Shakespeares „Sturm“ inszeniert, in Bremen „Ronja Räubertochter“, in Oberhausen „Frühlingserwachen“ von Wedekind. Ende Oktober wollen sie in Koblenz die „39 Stufen“ von Hitchcock auf die Bühne des Stadttheaters bringen. Zudem arbeitet Gregor Praml als freier Musikredakteur bei HR2-Kultur. Für die Sendungen „Doppelkopf“, „Mikado“ und „Fidelio“ führt er auch Interviews mit Musikern. Seit 2005 ist er Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Frankfurt am Main. In Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Kinderbüro hat er Kinderlieder mit Frankfurter Künstlern aufgenommen, die sich als Begrüßungspäckchen für Neugeborene erfolgreich verkaufen.

„Ich könnte auch etwas anderes machen“

„Ich habe mich freigeschwommen“, kann er heute mit Recht sagen. Dann flüstert er: „Eigentlich wollte mein Vater einen Balletttänzer aus mir machen.“ Dafür hat Joanna Ballett getanzt: „Von vier bis 14.“ Auch für Eiskunstlauf hat sie sich interessiert: „Wegen der Kostüme.“ Sie erinnert sich noch daran, wie die Schauspieler, mit denen ihr Vater arbeitete, bis drei Uhr morgens mit ihr auf den Proben gespielt haben. Als Elfjährige lernte sie den Schauspieler Michael Weber kennen, den Lebensgefährten ihres Vaters: „Er ist ein wichtiger Mensch in meinem Leben.“ Mit zwölf Jahren hat sie in der Paulskirche das Gretchen unter der Regie ihres Vaters gespielt, mit 16 die Lolita in der Tiefgarage der Adlerwerke. Von der Schule wurde sie jeweils freigestellt. „Ich konnte mir gar kein anderes Leben vorstellen als das Theater“, erinnert sie sich.

Später dachte sie schon einmal: „Ich könnte auch etwas anderes machen.“ Dennoch: „Sobald das Licht ausging im Theater, fühlte ich mich zu Hause.“ Dieses Gefühl kennt auch ihr Bruder. Seit die beiden aber Familie haben, hat sich das Heimatgefühl ausgeweitet. Gregor lebt mit seiner Frau Claudia, einer Publizistin im Management des Hessischen Rundfunks, und den beiden gemeinsamen Kindern Liliane und Bennet in Frankfurt. Joanna wohnt mit ihrem Mann und ihrem elf Monate alten Sohn Levin Moritz in Berlin-Prenzlauer Berg. Sofern sie nicht gemeinsam auf Achse sind: in Bremen, Wien, Oberhausen, wo Karsten Dahlem inszeniert. Sie empfindet dieses „Nomadenleben“ als schwierig, aber auch als bereichernd. Ihren Sommerurlaub verbringt sie jetzt in Berlin.

Er soll auch singen

Mit der Naxos-Halle hatte sie schon vor der Schauspielschule Bekanntschaft gemacht: in der Spielzeit 2000/01 in Pramls „Tarzan“. Nach ihrer Ausbildung war sie für zwei Jahre in Marburg fest engagiert. Seit 2007 arbeitet sie als freie Schauspielerin und Regisseurin. Ihr Vater habe sie zur Regie gedrängt. „Eigentlich wollte ich gar nicht.“ Aber als ihre erste Regiearbeit mit Berliner Jugendlichen gleich einschlug, kam sie auf den Geschmack. Ein glücklicher Zufall hatte sie zum Jungen Staatstheater in Lichtenberg gebracht, dem östlichen Pendant zum „Grips“. Dort arbeitet sie seit 2008 mit performativen Gruppen. Im Oktober ist sie zum Bundestreffen für Jugendclubs eingeladen, für das nächste Jahr plant sie ein Mehrgenerationenstück.

Ihre erste Inszenierung für Erwachsene stellte sie vor zwei Jahren mit dem Stück „An Goethe“ vor, einem multiperspektivisch biographischen Prolog zur Goethe-Festwoche: natürlich „auf Naxos“. Gregor Praml hat inzwischen begonnen, ein weiteres Büchner-Projekt mit seinem Vater vorzubereiten: Zum 200. Geburtstag des hessischen Dichters im kommenden Jahr wollen sie dessen Novellen-Fragment über den Sturm-und-Drang-Dichter Lenz der „Schönen Müllerin“ von Schubert entgegenstellen. Gregor ist mit Kontrabass und Akkordeon dabei - und singen soll er auch. Die Büchner-Inszenierung seiner Schwester wird schon am 13. September wiederaufgenommen.

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Jahrgang 1958, feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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