Dicke Schneeflocken fallen vom Himmel, die Alte Oper in Frankfurt ist in gleißendes Licht getaucht. Vor der weihnachtlichen Kulisse schreiten Damen und Herren auf den Eingang zu und streifen sich die Schneeflocken von der Abendgarderobe. Das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (HR) spielt im Großen Saal, der Bratschenvirtuose Antoine Tamestit ist zu Gast und wird Soli aus Stücken Strawinskys, Tschaikowskys und Hindemiths darbieten. Im holzvertäfelten Großen Saal sitzen rund 1500 Besucher. Ein Blick durchs Publikum lässt schnell erahnen, dass dieser Abend nicht mit normalen Maßstäben zu messen ist.
Jeans, Kapuzenpullover, Turnschuhe beherrschen die Garderobe auf den Rängen, überwiegend Kinder und Jugendliche sitzen dort. Der größte Teil der Karten für das „Junge Konzert“ ist für Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 19 Jahren ermäßigt angeboten worden. Die meisten von ihnen genießen Peter Tschaikowskys erste Sinfonie „Winterträume“ still und konzentriert. Manche schließen sogar die Augen, wiegen sich in der Melodie. Nach tosendem Applaus beginnt die Pause.
Kinder aus verschiedensten Elternhäusern sollen angesprochen werden
Kindern, aus welchem Elternhaus sie auch stammten, solle der Zugang zur Musikkultur ermöglicht werden. Ihnen sollten durch Theorie und Instrumentalunterricht Werte vermittelt, ihre soziale Entwicklung solle gefördert und auf ihren Lebensstil und ihr Selbstbewusstsein eingewirkt werden, lautet die Aufgabenstellung. In Hessen versuchen viele musikpädagogische Projekte, diese Vorstellungen zu verwirklichen. Der Konzertbesuch an diesem Abend in der Alten Oper zählt dazu. Die Musiker der Big Band und des Sinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks engagieren sich besonders, um in Schulen, aber auch schon in Kindertagesstätten zu zeigen, wie schön und wertvoll Musik sein kann.
Im Pausenraum der Alten Oper sitzt bei Bretzeln und Orangensaft Musikschullehrerin Petra Fuchs mit vier Kindern am Tisch. Sie sind elf, 13, 17 und 19 Jahre alt, alle spielen ein Instrument. Die Jüngste, Maja, geht auf die Humboldt Schule in Bad Homburg und spielt schon seit fünf Jahren Cello. Sie könne sich vorstellen, später einmal in einem Orchester zu spielen, sagt Maja. „Die sind wohl kein repräsentativer Durchschnitt“, bemerkt Fuchs und lacht. Wahrscheinlich nicht. Aber an diesem Abend sitzen 1200 junge Menschen vor einer Bühne statt vor einem Bildschirm.
Der 19 Jahre alte Patrick, der seit sieben Jahren Cello spielt, sagt, er habe seine Leidenschaft für das Orchester durch ein Konzert an der Saalburgschule in Usingen entdeckt. Vor zwei Jahren war dort das HR-Sinfonieorchester aufgetreten. Die Schultour der klassischen Musiker organisiert Kristine Laun; seit dem vergangenen Jahr leitet sie die Kinder- und Jugendprojekte des Orchesters. Jährlich werden acht Schulen verschiedener Klassenstufen aller Schultypen besucht.
Etwas ganz Besonderes war der Auftritt in der Frankfurter Hörgeschädigtenschule am Sommerhoffpark. Durch die Hörgeräte seien alle Schüler in der Lage, die Musik wahrzunehmen, erläuterte die Konrektorin der Haupt- und Realschule Gabriele Dettmer. Allerdings anders, als man sich das als Hörender vorstellen könne. An die Schüler wurden Luftballons verteilt, „damit sie die Musik auch fühlen können“, erklärte eine Lehrerin. Die Gehörlosen zeigten sich begeistert, besonders, wenn in den Stücken Bässe dominierten. Bei „Auf in den Kampf, Torero!“ aus der Oper Carmen standen viele der zwischen 4 und 18 Jahre alten Kinder auf und tanzten oder ahmten die Gesten des Dirigenten José Luis Gómez nach. Er beschrieb später das Dirigieren als nonverbale Kommunikation mit den Musikern. Das Konzert sei eine großartige Chance für die Kinder, sagte Gomez, „Musik kann ein Leben verändern“.
Gründschüler besonders begeisterungsfähig
Und erst recht Vorbehalte auflösen, was eine solche Exkursion in die Kultur denn bringen solle. „An einer Realschule gab es im Vorfeld eine Gegenitiative einer achten Klasse“, erzählt Kristine Laun, die Projektverantwortliche beim HR-Orchester. Die Jugendlichen hätten sich aber nachher bei der Lehrerin für die „Zwangsverpflichtung“ bedankt und das Konzert genossen. Selbstverständlich gebe es immer ein paar Uninteressierte, vor allem die Älteren seien in ihrem musikalischen Geschmack oft verfestigt. Besonders begeisterungsfähig und offen seien die Jüngsten, die Grundschüler.
Nicht zuletzt deshalb beginnen die Musikprojekte, deutschlandweit einzigartig, in Frankfurt seit einem Jahr schon in den Kindertagesstätten (Kitas). Andreas Maul leitet dieses Projekt. Der Musikwissenschaftler ist seit 1992 beim HR beschäftigt und hat im Jahr 2011 zusammen mit dem Deutschen Orchesterverband, dem Dachverband der deutschen Kitas und dem Kultusministerium ein Konzept entwickelt, die Kleinen mit klassischer Musik vertraut zu machen.
Im vergangenen Jahr besuchten Peter Zelienka (Violine), Arnold Ilg (Violoncello) und zwei weitere Streicher zunächst, weil sie dort eine größere Bereitschaft zum Mitmachen erwarteten, zwei Einrichtungen mit Kindern aus „gutbürgerlichen Elternhäusern“, wie Zelienka sagt. In der zweiten Runde ist eine Kita in Sossenheim dabei, alle Kinder haben Migrationshintergrund. In Sossenheim „läuft es nicht immer brav ab“, sagt Heike Jäger vom Dachverband der Frankfurter Kindertagesstätten. Die Musiker würden aber stets Zugang zu den Kindern finden. Die Zusammenarbeit mit den Erziehern sei besonders wichtig, ergänzt Zelienka. Musik helfe den Kindern, nicht nur bei der Hör- und Sprachentwicklung. Die Kleinen müssten auf Mitspielende und Erzieher achten und Regeln befolgen lernen, was auch die soziale Entwicklung voranbringe.
Die Musiker kommen einmal die Woche für eine Stunde vorbei, drei bis fünf Monate lang, damit die Begeisterung langsam, aber nachhaltig wachsen kann. Zelienka hat vor allem Spaß an der Improvisation. Musik müsse spielerisch vermittelt werden, etwa bei der „Reise nach Jerusalem“, nur dass ein Streichquartett live die Musik spielt. Besonders viel Freude haben die Kinder mit den „Schrabbelgeigen“, die Arnold Ilg selbst baut; dazu werden einfach zwei Blechdosen mit einer Saite verbunden. Die Kinder gäben ihm mit ihrer Neugier und Begeisterung viel zurück, sagt Zelienka, „aber man muss das schon mögen“. Es dauere lange, bis die Kinder Vertrauen aufbauten, man müsse sehr geduldig sein. Zudem habe man für Proben weniger Zeit. Doch selbst anfängliche Skeptiker berichteten im Nachhinein stets von „einzigartigen Erfahrungen“, sagt Projektleiter Maul. Zum Abschluss besucht der Kindergarten eine Orchesterprobe. Dann würden die Kinder häufig auf die ihnen bekannten Musiker zugehen, deren Instrumente anfassen und über die Musik staunen, „das ist schon ein tolles Gefühl“, sagt Zelienka.
Im Proberaum des Hessischen Rundfunks gehen die Fünftklässler mit großen Augen auf eine Harfespielerin zu. Die spielt lächelnd „Alle meine Entchen“ und wird ohne Scheu von den Schülern umringt, die ihr danach applaudieren. Dann dürfen sie selbst auch einmal zupfen. „Instrumenten-Zoo“ nennt sich die Initiative, bei der junge Schüler die Gelegenheit haben, Instrumente, die sie im Musikunterricht durchgenommen haben, während der Probe zu erleben. Zur Vorbereitung haben sie Arbeitsblätter mit Fragen bekommen, etwa nach der Ordnung des Orchesters: „Welche Instrumentengruppe spielt die Melodie, welche den Rhythmus?“
Eineinhalb Stunden Probe verlangen jedoch viel Aufmerksamkeit. Wenn keine Musik spielt, werden die Schüler müde, einige schließen die Augen. Chefdirigent Paavo Järvi spricht mit den Streichern über Feinheiten. „Wie Flammen, lasst es brennen!“, beschreibt er den gewünschten Klang. Die Probe geht dann überraschend mit einem Paukenschlag weiter, der die Schüler aus ihrem Schlummer reißt. Manche können das Lachen über zusammenzuckende Mitschüler nicht unterdrücken.
Gertrud Etzel-Kreuzkamp, Lehrerin an der Kurt-Schumacher-Schule in Karben, schmunzelt. Sie gehört - wie inzwischen mehr als 500 Lehrer, Erzieher und Schulleiter - zum „Netzwerk Musik und Schule“. Vor zehn Jahren wurde es vom Kultusministerium und vom Hessischen Rundfunk ins Leben gerufen. Jede Schule in Hessen kann teilnehmen und sich für Förderprogramme bewerben. Es gibt Workshops zu verschiedenen Instrumenten, für Gesang und zur Moderation. Sei es die Unterstützung des Schulorchesters durch professionelle Musiker, Lehrerfortbildung oder Workshops: „Ich bin immer dabei“, sagt Federspiel, der Musik am Gymnasium Oberursel unterrichtet und das Netzwerk derzeit koordiniert. Den Zweiundsechzigjährigen, der die langen grauen Haare zu einem Zopf gebunden hat, beeindruckt besonders, dass die Schüler die Musiker sehr ernst nähmen, „meistens ernster als die Lehrer“. Federspiel spielt seit langer Zeit Klavier und Trompete. Mit dem Saxofon habe er vor fünf Jahren angefangen, „um Jazz kennenzulernen“.
Damit junge Hessen mit diesem Genre früher vertraut werden, gibt es viele musikpädagogische Projekte, auch mit der Big Band des HR. „Man kann nicht darauf warten, dass die Kinder von selbst zum Jazz kommen“, sagt Olaf Stötzler, Manager der Band. Er findet, Jazz und afroamerikanische Musik generell seien in den Lehrplänen der Schulen unterrepräsentiert. Dabei stellten sie die Basis jeglicher gegenwärtigen Popmusik dar. Er wolle das Gefühl vermitteln, dass es etwas Tolles sei, wenn man ein Instrument spiele, sagt Stötzler. „Außerdem kommt das auch gut bei den Mädchen an“, fügt er mit einem Grinsen hinzu.
Wenig Frauen in der Big Band des HR
20 Schülern einer vierten Klasse der Liesel-Oesterreicher-Schule können erleben, wie offen, aber auch wie strukturiert der Jazz ist. Axel Schlosser, Trompeter und Dirigent bei der Big Band des HR, gibt während der Probe dem Bassisten einige Möglichkeiten: „Da, wo ich die punktierte Halbe hingeschrieben habe, kannst du auch mehr spielen, wenn du willst.“ In seinem Stück „Schwarzes Wasser“, in dem gemächlich dahinplätschernde und wild tosende Rythmen sich abwechseln, spielen die Bläser einzeln lange Soli. Große Freiheit, aber auch strikte Ordnung.
Warum es keine Mädchen in der Big Band gebe, will eine Schülerin hinterher von Jochen Stolla wissen, der die Jugendarbeit der Big Band leitet. Stolla bedauert, dass allgemein die Zahl der weiblichen Jazzmusiker klein sei. Sie sollten keineswegs ausgeschlossen sein, nur würden sich eben nur wenige für die Band bewerben. Die Schülerin nickt bedächtig, als würde sie sich dies für die Zukunft merken.
„Was hätte ich gegeben, wäre so etwas damals am Bodensee möglich gewesen“, sagt Big-Band-Manager Stötzler. Zunächst habe er in verschiedenen Blues- und Rock-Bands Gitarre gespielt, aber „Blues spielte damals jeder, Jazz fand ich geheimnisvoll“. Auch Stötzler kam über einen Lehrer in Kontakt mit dieser Musik, als er etwa zwölf Jahre alt war. Die Schüler im Alter von zwölf bis vierzehn lägen ihm besonders am Herzen, „eine wichtige Phase für die Prägung von Stil und Sozialverhalten“, sagt er. Musik könne bei der Entwicklung helfen, Orientierung bieten. Auch deswegen besucht die Big Band seit sechs Jahren Schulen in Hessen. Zudem organisiert sie bereits seit 2002 einen jährlichen Wettbewerb für Schulbands. Jazz sei Kindern leichter vermittelbar, da die heutige Popmusik auf dessen Elementen aufbaue, sagt Stötzler.
Moderator erklärt Unterschied zwischen Bratsche und Geige
Doch auch in der Klassik gibt es populäre Elemente, etwa in Stücken Hindemiths beim Jungen Konzert in der Alten Oper. „Die Verarbeitung von Elementen aus der Unterhaltungsmusik“ ist laut Programmheft sogar stilprägend für die Musik des gebürtigen Hanauers gewesen. Unkonventionell schafft es der Moderator, die jungen Zuhörer in die Musik einzuführen, etwa wenn er den Unterschied von Bratsche und Geige erklärt und dabei zugibt, dass er die Instrumente selbst auch schon verwechselt habe. Die Volkslieder, die im „Schwanendreher“ verarbeitet wurden, werden vorgestellt, damit die Schüler sie später in all ihren Varianten wiedererkennen können.
Welche Früchte die Initiativen tragen werden, lässt sich nur schwer abschätzen. Von den vier Kindern am Tisch im Pausenraum der Alten Oper kann sich nur Maja vorstellen, später einmal im Orchester zu spielen. Aber das sei auch nicht das Ziel, sagt Musikschullehrerin Petra Fuchs. Wichtiger seien der Spaß am Musizieren und die Möglichkeit, damit abschalten zu können vom leistungsorientierten Schulalltag. Sie will, „dass die Kinder nach der Schule erst mal ihren Ranzen in die Ecke schmeißen und sich ans Klavier setzen“.