Home
http://www.faz.net/-gzg-70axm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kickboxen Die Kämpfer aus Sossenheim

 ·  Ali Yilmaz macht aus Problemkindern Weltmeister. Der Sozialarbeiter nutzt Kampfsport für die Jugendarbeit. Seine Kickboxer machen nicht nur im Ring eine gute Figur.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Eine Viertelstunde nach dem Kampf hat sich der neue Europameister schon wieder beruhigt. Gerade hat er seinem Gegner im Ring so lange gegen die Beine getreten, bis der nicht mehr stehen konnte. Dann hat er den Meisterschaftsgürtel bekommen, wurde von seinem Betreuer durch den Ring getragen und von den Fans mit Sprechchören gefeiert. Jetzt sitzt er in der Kabine, atmet tief durch und schaut nach vorne. „Ich mache erst mal einen Tag frei, dann fange ich an, für die nächsten Klausuren zu lernen.“

Saman Ghelichkhan führt zwei Leben, eins im Ring, eins im Hörsaal. Der Sossenheimer ist Kickboxer und studiert Wirtschaftsrecht an der Frankfurter FH. Gerade hat er seinen bisher größten Kampf gewonnen. Nur eineinhalb der fünf angesetzten Runden hat er gebraucht, um seinen Gegner zu besiegen. Für diese fünf Minuten hat er zehn Wochen lang trainiert. Tonnenweise Gewichte hat er gestemmt, etliche Kilometer ist er gejoggt, Tausende Male hat er gegen die Sandsäcke geschlagen oder getreten. Die hängen nicht an der Decke eines professionellen Fitness-Studios, sondern im Keller des Jugendzentrums Kosmos in Sossenheim. Dort, wo die Fenster winzig sind und die Luft stickiger ist, trainiert Saman schon seit neun Jahren.

„Wir hatten damals alle Komplexe“

Freiwillig ist er nicht ins Kosmos gekommen. Ein Jugendrichter hatte ihn dazu verurteilt, Sozialstunden zu leisten. Saman hatte wegen Körperverletzung vor Gericht gestanden. Er habe immer das Gefühl gehabt, sich beweisen zu müssen, sagt er. „Wir hatten damals alle Komplexe.“ Wäre er nicht an Ali Yilmaz geraten, wäre es wohl nicht seine vorerst letzte Begegnung mit der Justiz geblieben.

Als Saman seine Sozialstunden abgeleistet hatte, wollte er trotzdem weiter ins Kosmos gehen, zum Kickboxen. Yilmaz, der Sozialarbeiter, den alle wegen seiner langen, schwarzen Haare nur Apache nennen, hatte schon vor 17 Jahren angefangen, Kampfsport für die Sozialarbeit zu nutzen. Das Wort Migrationshintergrund kannte damals kaum jemand, und Bücher von Thilo Sarrazin wurden noch nicht in Millionauflage gedruckt.

„Wir sind der erfolgreichste Jugendklub“

Apache will den Sossenheimer Jugendlichen helfen, Stress abzubauen. Ihre Aggressionen seien im Sandsack am besten aufgehoben, findet er. An den Abenden, die sie im Kickbox-Keller verbringen, können sie nicht auf der Straße herumlungern und auf blöde Gedanken kommen. 200 Jungen und Mädchen trainieren zur Zeit im Kosmos, 90Prozent von ihnen haben ausländische Wurzeln. Der Trainer erwartet Disziplin und Hingabe. Er will aus ihnen Vorbilder machen, an denen sich andere orientieren können. Mittlerweile produziert Apache Idole wie am Fließband.

In einem Ikea-Regal, direkt neben dem Trainingsring, liegen die Trophäen. Mehrere Weltmeistergürtel sind dort zu finden. 17 Amateurweltmeister hat Yilmaz ausgebildet. „Wir sind der erfolgreichste Jugendklub.“ Der erfolgreichste Deutschlands? - „Der Welt“, antwortet er. Der Trainer verkörpert am besten das Selbstbewusstsein, dass er seinen Schützlingen beibringen will.

Nummern-Girls verschönern die Pause

„Apache vermittelt Identität, Teamgeist und Orientierung“, sagt einer, der ihn schon lange kennt. Der Kampfsport ist das Medium, diese Werte zu vermitteln. „Hätte ich eine Leidenschaft für Tennis, hätte ich meinen Jungs Tennis beigebracht“, sagt Yilmaz. Zu seinem ersten Kampfabend kamen 2009 ein paar hundert Zuschauer, beim bisher größten am vergangenen Wochenende waren es schon mehrere tausend.

Frauen in teuren Kleidern stöckeln auf hohen Absätzen zu ihren Plätzen direkt am Ring. Das Privatfernsehen zeichnet die Kämpfe der „Apache Fight Night“ in der Eissporthalle auf. Die Jungs, die am Rande der Gesellschaft standen, haben es geschafft, ein gesellschaftliches Ereignis zu veranstalten. Fast alles haben sie selbst organisiert, von der Werbung bis zu den Musikern, die zwischen den Kämpfen auftreten. Es gibt einen VIP-Raum, in den Pausen stolzieren Nummern-Girls durch den Ring. Das volle Programm.

Er kämpft überlegt und geradlinig

Kickboxen ist schwer im Kommen. Die K.o.-Quote ist höher als die beim Boxen. Die Zuschauer bekommen mehr geboten für ihr Eintrittsgeld. Aber noch ist es eine Randsportart, kaum jemand verdient in Deutschland damit genug Geld, um davon leben zu können. Auch Saman Ghelichkhan glaubt nicht, dass es bei ihm zum Profiboxer reicht. Nach seinem Studium will er Manager werden, schon jetzt arbeitet er als Werkstudent bei einer Beratungsfirma an der Taunusanlage. Wenn er die Stirn runzelt, sieht er aus wie der junge Robert de Niro. Er spricht, wie er kämpft: überlegt und geradlinig.

Auf seinem breiten Kreuz ist in altiranischer Schrift sein Name zu lesen. Übersetzt bedeutet er „ruhiger Sonnenaufgang“. Viel mehr verbindet ihn nicht mit dem Land, aus dem er stammt. Die Eltern kamen zur Wendezeit nach Deutschland, weil der Vater genug hatte vom Leben als Soldat. Vom Asylbewerberlager Schwalbach ging es weiter in eine Sossenheimer Siedlung. Mit sechzehn bekam Saman seinen deutschen Pass.

Emmanuel möchte mit dem Kickboxen seinen Unterhalt bestreiten

Vor dem Kampf wickelt er seine Fäuste zentimeterdick in Mullbinden und Heftpflaster ein. Mal tigert er nervös durch die Umkleide, mal schließt er die Augen, versucht sich zu konzentrieren. In der Kabine der Eissporthalle, in der sich im Winter die Eisläufer die Schlittschuhe anziehen, bereiten sich die Apache-Kämpfer auf ihren Auftritt vor. Es riecht nach Thai-Öl. Aus den Lautsprechern wummern laute Bässe. „Jetzt wird’s Hardcore, du Opfer“, rappt die Stimme auf der CD. „Mach doch mal richtige Musik an“, fordert einer der Kämpfer. Die Zeile aus dem Song passt nicht recht zu den besonnenen jungen Männern. Sunu studiert, um Ingenieur zu werden. Emmanuel, der später seinen Kampf um die Weltmeisterschaft gewinnen wird, versucht, mit dem Kickboxen Geld zu verdienen. Falls das nicht klappt, kann er sein Studium wiederaufnehmen.

Die erfolgreichsten Apache-Kämpfer sind längst aus dem Jugendalter raus, dem Kosmos bleiben sie aber treu. Saman Ghelichkhan ist 24Jahre alt. Er trainiert mittlerweile die Jüngeren. Bis er selbst mitboxen durfte, hatte es einige Zeit gedauert. Apache ließ ihn zappeln, bis er bewiesen hatte, dass er bereit war, sich diszipliniert zu verhalten. Wenn ihn heute jemand provoziere, gehe er einfach weg, sagt er. „Auf der Straße halten sie mich wahrscheinlich für ein Weichei.“ Im Ring hat er sich dafür umso mehr Respekt erarbeitet. Von seinen neun Kämpfen hat er nur einen verloren. Fachleute beschreiben ihn als technisch guten Kämpfer. „Ich bin stolz auf dich“, sagt einer, als Saman nach seinem Kampf mit dem EM-Gürtel in die Kabine kommt. „Du bist ’ne Maschine“, ein anderer. Sie umarmen sich, freuen sich gemeinsam. Wenig später gibt Saman seinen Kollegen schon wieder Tipps für deren Kampf. Anscheinend haben sie geholfen.

Sei „hart aber gerecht“

Michael, der wochentags in der Küche des Jugendzentrums steht, trägt am Kampfabend einen Sieger nach dem anderen auf den Schultern durch den Ring. Sunu, der nach hartem Kampf seinen deutschen Meistertitel verloren hat, klopft er so oft auf die Schulter, bis der sich wenigstens ein gequältes Lächeln abringt. Wer verliert, verliert mit Anstand. Das hat Apache seinen Jungs beigebracht.

Der Trainer boxt mit, wenn seine Kämpfer im Ring stehen, duckt sich, brüllt Anweisungen, die im Trubel aber eher untergehen. Neben ihm stapeln sich Plastikbecher, er ist Teetrinker. Der Sozialarbeiter, halb Armenier, halb Kurde, sei „hart aber gerecht“, sagt Saman. Wenn Apache seine Jungs zum Ring führt, legt er ihnen die Hand auf die Schulter. Wenn sie sich im Training hängenlassen, treibt er sie an.

Eins, eins, zwei, zwei: Die Schläge prasseln auf Apaches Pratzen. Die Musik im Hintergrund ist kaum noch zu hören. Der Trainer schwitzt ähnlich viel wie seine Jungs. So geht es Abend für Abend im Jugendzentrum Kosmos in Sossenheim. Weder Apache noch Saman kennen es anders. „Wenn ich zwei Tage lang nicht trainiere, fühle ich mich komisch“, sagt der neue Europameister. Auf die kurze Pause freut er sich trotzdem. Auch wenn er in den nächsten Wochen wohl öfter in der Bibliothek sitzen als im Ring stehen wird.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1985. Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Geben und nehmen

Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr 1