Die Blumen liegen noch nicht bereit, aber es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis in der „Keltenwelt am Glauberg“ der 100.000. Besucher begrüßt werden kann - die Marke von 90.000 war im Spätherbst schon überschritten. Selbst die größten Optimisten hatten nicht einen derartigen Publikumsansturm auf das erst im vergangenen Mai eröffnete Museum erwartet. Und das alles, weil dort, in der tiefsten Wetterau, 1996 eine rätselhafte Sandsteinstatue mit merkwürdigen Ausbuchtungen am Kopf, der Einfachheit halber Ohren genannt, gefunden wurde.
Keine Frage, ohne diese von der Öffentlichkeit als „Keltenfürst“ adoptierte Figur wäre zumindest in Hessen das allgemeine Keltenfieber einige Grad niedriger. Auch die drei damals ebenfalls entdeckten, prachtvoll ausgestatteten „Fürstengräber“ hätten nicht ein derart großes Echo auslösen können. Und je länger der nach den Funden in den späten neunziger Jahren entbrannte Streit um den richtigen Ausstellungsort für den versteinerten Glauberg-Herrscher wogte, desto berühmter wurde die Figur. Am Ende war im Sinne der Region alles gut, und der „Fürst“ erhielt für neun Millionen Euro die teuerste Begräbnisstätte in der Geschichte des Landes Hessen. Der Erfolg gibt recht. Setzt sich der Besucherandrang auf die aus dem Museum, einem Archäologiepark und einer Forschungsstätte gebildete „Keltenwelt am Glauberg“ unvermindert fort, wird sie Saalburg und Hessenpark den Rang ablaufen.
Die Figürlichkeiten regen die Vorstellungskraft an
Dass Prähistorie zum Publikumsfavoriten aufstieg, sagt viel über den allgemeinen Wandel im Verständnis von Geschichte. Und die Bereitschaft, auch in Zeiten knapper Mittel für archäologische Funde eigens ein Museum zu errichten, kommt dem zunehmenden Wunsch von Museumsdidaktikern entgegen, das Überlieferte durch anschauliche Präsentation begreifbar zu machen - und offenbar auch den Wünschen des Publikums. So gesehen, ist die Glauberg-Statue ein Geschenk der Götter. Die Figur gibt einer schriftlosen Epoche ein Gesicht, lässt aber genügend Raum, um über das Spekulative neugierig zu machen auf das historisch Gesicherte. Und mit dem Keltentum ist eine Kultur zu entdecken, deren meisterliche Beherrschung von (Kunst-)Handwerk und Bauwesen dank intensiver Forschungstätigkeit der vergangenen Jahrzehnte offenbar geworden ist. So machtvoll, dass sie jetzt, nach zwei Jahrtausenden der Vergessenheit, antiken Hochkulturen gleichgestellt wird.
Der Erfolg des Glauberg-Museums erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass dort die Fertigkeiten der Kelten in überzeugender Dramaturgie und Darstellung präsentiert werden. Im Museum scheint alles zu schweben. Noch der kleinste Gegenstand ist an hauchdünnen Stäben einzeln aufgehängt und wird von der indirekten Lichtführung nachgerade zum Leuchten gebracht. Nie hat man die figuralen Details keltischen Schaffens genauer in Augenschein nehmen können, nicht die Fabelwesen auf Fibeln, Gürtelhaken oder den beiden metgefüllten Kannen, nicht den Schmuckbesatz einstiger Bekleidung und schon gar nicht die reichen Goldbeigaben, die Finger-, Arm-, Ohr- und Halsringe der beiden unter einem 48 Meter breiten Grabhügel bestatteten Toten. Und dann betrachtet man dann den eigentlichen Star der Ausstellung, die frei aufgestellte Sandsteinstatue des „Keltenfürsten“, die neben dem Grabhügel in einem Graben lag.
Aus dem Halbdunkel der Totenwelt betritt der Besucher gleichsam eine Brücke ins Leben
Man darf im Glauberg eine Art Olymp sehen, zu dem die Menschen von weit her kamen, nachdem sie in einer imponierenden Gemeinschaftsleistung die Anlage errichtet hatten, ein Ritualbauwerk für gottgleiche Führer, die den eher losen und verstreuten Stammes- und Familienverbänden Ausrichtung und auch Zusammenhalt gaben.
Um diese Annahme zu unterstreichen, überrascht das Keltenmuseum zum Abschluss mit einem weiteren gestalterisch überzeugenden Gedanken. Aus dem Halbdunkel der Totenwelt betritt der Besucher gleichsam eine Brücke ins Leben, wenn er hinter hohen Panoramascheiben über den rekonstruierten Grabhügel und die darauf ausgerichtete sogenannte Prozessionsstraße in die weite Senke des Seemenbachtals schaut, dorthin, wo schon vor 2500 Jahren Felder bestellt wurden. Nach dem Museumsbesuch muss man nur einmal von dem Weg aus, in dem die Prozessionsstraße ihre Verlängerung findet, hinaufschauen: Dann wird vorstellbar, wie einst vor dem Hintergrund des mauerumzogenen Glauberg-Plateaus zur Inszenierung von Macht und Gedenken Grabhügel, Statuen, tempelartige Gebäude und die weitläufigen Graben-Wall-Systeme zueinander in Beziehung standen. Dazu zählte auch ein großes Becken zur Speicherung von Oberflächenwasser am Fuße der Westseite, das vermutlich als Quellheiligtum diente.
Bis das Ziel erreicht ist, verleitet der Aufstieg zu metaphysischen Betrachtungen
Ein zwei Kilometer langer, archäologisch-naturkundlicher Lehrpfad über und um das heute fast parkartig wirkende Plateau herum erschließt Areal und historische Zusammenhänge. Deutlich zeichnen sich am westlichen Horizont die Schattenrisse von Altkönig und Hausberg im Taunus und der markante Kegel des Dünsbergs bei Gießen ab. Ihre Flanken waren alle einst von mächtigen Ringwällen der Kelten umgeben. Als Versturz sind sie gut erhalten; man kann sogar, wie am Dünsberg, auf der Mauerkrone entlanglaufen.
Auch wenn nie mehr zu erfahren sein wird, was Menschen antrieb, unter unsagbaren Anstrengungen steile Bergkuppen mit meterhohen Mauern zu befestigen, lohnt sich der Anstieg schon deshalb, weil sich die Frage nach den Antriebskräften unweigerlich in metaphysische Betrachtungen weitet.
Zweifellos hatten die Kelten ein Lebensverständnis, das nicht nach Zweck und Nutzen heutiger Ausprägung fragte. Ob man die Höhenfestungen als Machtsymbole oder als zentrale Heiligtümer ansieht, ist dabei zweitrangig. Wie es die Doppelgesichtigkeit vieler plastischer Darstellungen nahelegt, waren Dies- und Jenseitiges eins; Rationalität und Spiritualität schöpften aus dem gleichen Geist. In dieser kaum zu begreifenden und doch vielerorts spürbaren Weltensicht liegt vielleicht das tiefere Verständnis der Kelten - und ihre Faszination.
Vom Autor ist zum Thema ein Buch erschienen: „Der Ausflug zu den Kelten. 20 außergewöhnliche Ziele in Hessen und Rheinland-Pfalz“ (Societätsverlag 2011, 12,80 Euro).