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Kehlmann-Adaption „Der Mentor“ : Die Eitelkeiten des Betriebs

Szenegänger: Schriftsteller Daniel Kehlmann verließ nur kurz nach Beginn des Stückes „Der Mentor“ den Theatersaal. Bild: Fricke, Helmut

Daniel Kehlmann verlässt die Premiere, weil er seinen Text verschandelt wähnt: „Der Mentor“ im Frankfurter Fritz-Rémond-Theater.

          Der Autor ist anwesend. Aber nicht lange. Nach gut zehn Minuten sucht er mit Leichenbittermiene das Weite. Er zwängt sich, so rasch es eben geht, an den Zuschauern in seiner Sitzreihe vorbei, eilt in Richtung Ausgang und lässt die Theatersaaltür unsanft ins Schloss fallen. Immerhin ist die erste Szene soeben zu Ende gegangen, und die Bühne liegt im Halbdunkel. Gegeben wird „Der Mentor“, und der Schöpfer des Bühnenwerks ist offenbar ganz und gar nicht mit dessen Umsetzung zufrieden. „Wie geohrfeigt“ habe er sich gefühlt, wird er später sagen. Dabei hatte das Fritz-Rémond-Theater im Zoo zuvor noch damit geworben, dass der junge Erfolgsschriftsteller Daniel Kehlmann der Deutschlandpremiere seines zweiten Bühnenstücks beiwohnen werde. Nun darf das Premierenpublikum rätseln: Hat ihm die Inszenierung nicht gefallen?

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Ihn habe die Darstellungsweise nicht gestört, erläutert der Schriftsteller am Tag danach im Gespräch mit dieser Zeitung seinen raschen Abgang. Vielmehr habe er es im Theater nicht länger ausgehalten, weil er seinen Text nicht wiedererkannt habe. „Das war nicht mehr mein Stück.“ Kehlmann, mittlerweile wieder in Berlin, wirkt noch immer aufgeregt. Sein Werk sei „total umgeschrieben“ worden, er könne überhaupt nicht nachvollziehen, was geschehen sei.

          Dem Theater droht Vertragsstrafe

          Regisseur Michael Wedekind habe ihn nämlich besucht, drei kleinere Veränderungen mit ihm abgestimmt und ihm das Gefühl vermittelt, sein Stück sei in Frankfurt in besten Händen. „Irgendetwas ist dann bei den Proben völlig aus dem Ruder gelaufen“, vermutet der Autor, der 2005 mit dem Roman „Die Vermessung der Welt“ einen internationalen Bestseller landete. „Sie haben versucht, auf ungeschickte Weise alles noch lustiger zu machen, und dadurch haben sie es entschärft“, klagt er. Die Pointen seien zerstört worden durch Albernheiten. Schleierhaft sei ihm auch, warum aus dem Dramatiker Benjamin Rubin ein Romancier geworden ist: Schließlich soll der Ältere mit dem Jüngeren eine Woche lang in einer Villa, die eine Kulturstiftung zur Verfügung stellt, an einem Theaterstück arbeiten.

          Kehlmanns Verlag hat beim Rémond-Theater interveniert. Von einer Vertragsstrafe ist die Rede. Rechtsanwälte werden tätig. Das Stück bleibt freilich auf dem Spielplan, auch Kehlmann möchte nicht, dass es abgesetzt wird. Es soll nur deutlich werden, dass er mit einem derart veränderten Text nicht einverstanden ist. Daher liegen seit gestern den Programmheften Zettel bei, auf denen steht, dass sich der Autor und der Thomas Sessler Verlag von der in Frankfurt gezeigten Fassung distanzieren, weil der Text „massiv und wesentlich“ verändert worden sei. „Wir sind es gewohnt, schnell zu reagieren“, sagt Theaterleiter Claus Helmer. Die Premiere sei ein großer Erfolg gewesen, er könne die Aufregung des Autors nicht ganz verstehen. „Vielleicht hätte er bis zum Ende bleiben sollen.“ Dass während der Proben ein Text geändert werde, sei ein normaler Vorgang. Manches sei im Original nicht verständlich, deshalb habe man es anpassen müssen. Er habe so etwas in 41 Jahren noch nicht erlebt, gibt der Prinzipal zu Protokoll. Ähnlich äußert sich auch Kehlmanns Verlag: Einen Fall eines solcherart schwerwiegenden Eingreifens in den Text eines seiner Autoren habe es noch nie gegeben.

          Stück wird zur Farce

          Man könnte meinen, hier habe man es mit einem Zusammenprall von zeitgenössischer Hochliteratur und Boulevardtheater zu tun. Aber das stimmt nur bedingt. Kehlmann liebäugelt durchaus mit dem Boulevard, seine harsche Kritik am Regietheater ist Wasser auf die Mühlen der braven Bühnenrealisten. So haben sie sich auch in Frankfurt wohl gedacht, den Autor in seinem Willen zur Publikumserheiterung besser zu verstehen, als dieser sich selbst verstanden hat. Es wird zur reinen Farce. In der Version von Wedekind wirkt das Stück so altbacken und abziehbildlich, dass Verwechslungen mit dem real existierenden Literaturbetrieb kaum möglich sind. Kein Klischee wird ausgelassen, Schriftsteller kommen just so auf die Bühne, wie Klein Erna sie sich vorstellt.

          Mit Halstuch zum dunklen Jackett der eine, Benjamin Rubin (eine glatte Fehlbesetzung, dem man als grundsympathischem Elderly Sonnyboy die Sentenzen à la Thomas Bernhard überhaupt nicht abnimmt: Peter Fricke). Natürlich hat er eine Vorliebe für ausgefallenen Whiskey und einen Hang zum Exzentrischen. Der andere, Martin Wegner (Lutz Erik Aikele), geriert sich als Junggenie, von Selbstzweifeln geplagt. Auch von seiner Frau (Viola Wedekind) erfährt er eher verhaltenen Zuspruch. Manche Klischees allerdings entsprechen der Wahrheit: Die Eitelkeit, die Rubin gegen seine bessere Einsicht nötigt, Wegners Stück vernichtend zu beurteilen, ist in der schreibenden Zunft endemisch. Dass sich das wirkliche Drama in Kehlmanns Text zwischen Alter und Jugend abspielt, ist dieser Inszenierung kaum anzumerken. Ausgerechnet die Figur Wolff von Lindenaus bringt einen Hauch von Tragik ins Spiel: Kulturfunktionär Erwin Wangenroth entschließt sich, selbst kreativ zu werden, weil er erkennt, dass er das falsche Leben führt.

          Quelle: F.A.Z.

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