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Katharina Magiera : Liebe zum Gesang am Abend und am Morgen

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Klavier war der Kompromiss, doch dann wurde sie Sängerin: Katharina Magiera. Bild: Eilmes, Wolfgang

Sie verkörpert nicht nur alte Hexen: Die Altistin Katharina Magiera schätzt die Intimität der kleinen Bühne.

          Schon während ihrer Kindheit in der Pfalz hat Katharina Magiera gern im Rampenlicht gestanden und darum mit ihren Freundinnen Theaterstücke erfunden. Mit sechs Jahren sollte sie die Geige spielen lernen. Ihr Großvater, der ein erfolgreicher Geiger war, unterrichtete sie. Doch sie hatte ihren eigenen Kopf und legte nach wenigen Stunden den Bogen wieder beiseite. Lieber wäre ihr ein Blasinstrument gewesen, Klavierunterricht war der Kompromiss. Dazu sang sie für ihr Leben gern, in Kinderchören, im Kinderzimmer, überall. Bis zur Pubertät. Da wurde es ihr unangenehm, zu extravertiert irgendwie. Erst später, als selbstbewusste Erwachsene an der Universität, kam die Lust auf das Singen zurück. Inzwischen hat Magiera ein Klavierstudium und eines in klassischem Gesang absolviert. Und auch ein Blasinstrument erlernt, wenngleich für die Posaune selten Zeit bleibt, seitdem die 33 Jahre alte Altistin zum ständigen Ensemble der Oper Frankfurt gehört.

          Während ihres Erststudiums in Mannheim, mit dem sie sich zur Musiklehrerin fürs Gymnasium hat ausbilden lassen, wuchs Magieras Traum von der Berufsmusik an der Oper. Weil sie im Grunde aber keine Träumerin ist, wagte sie sich nur vorsichtig daran. Um sicherzugehen, machte sie zunächst das Erste Staatsexamen. „Ich bin nicht der Typ, der mit dem Kopf durch die Wand will.“ Stück für Stück arbeitete sie sich vor, wurde als Stipendiatin der Villa Musica des Landes Rheinland-Pfalz, der Studienstiftung des Deutschen Volkes und der Yehudi-Menuhin-Stiftung gefördert. Mit der Aufnahme an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zum Gesangsstudium bei Hedwig Fassbender folgte 2003 ein großer Schritt. Magiera ging es vernünftig an: Drei Jahre gab sie sich. „Hätte ich in dieser Zeit keine Resonanz von außen bekommen, kein Angebot zum Beispiel für einen Auftritt, wäre ich in den bodenständigen Beruf zurückgekehrt.“ Aber die Angebote kamen, und parallel zum Studium übernahm sie kleine Partien an der Oper Frankfurt, etwa in der „Zauberflöte“ und in „Aschenbrödel“. Daneben besuchte sie Meisterkurse bei den arrivierten Sängern des Hauses und schloss ein Aufbaustudium bei Rudolf Piernay in Mannheim ab. Nach einem Jahr im Opernstudio, das den jungen Künstlern den Einstieg in den Beruf erleichtern soll, wurde ihr 2009 die Mitgliedschaft im Frankfurter Ensemble angeboten.

          Oft die Hosenrollen

          Magiera ist uneitel geblieben, sie betont vielmehr das hohe Maß an Selbstdisziplin, das ein Berufssänger aufbringen müsse, wenn er seine Arbeit gut machen wolle. „Ich kann nicht abends mit Freunden feiern und am Tag danach Großes von meiner Stimme erwarten.“ Bewunderung empfinde sie für jene, die gleich nach dem Abitur in die schwierige Gesangsausbildung wechselten. Sie selbst habe die Flegeljahre während des Erststudiums gebraucht. Da musste sie vor einer Mahlzeit noch nicht überlegen, ob ein Nahrungsmittel ihre Stimme verschleimen könnte, und noch nicht penibel auf das Ruhebedürfnis ihres Körpers achten.

          Langsam komme sie in das Alter, sagt die Altistin, die auf ihre Stimme passenden Charaktere adäquat auszufüllen. Ihre Lage, das sind oft die Hosenrollen, die Parts der Alten und der bösen Hexen. „Inzwischen bin ich reif genug, um die glaubhaft zu verkörpern“, sagt sie und lacht. In der nächsten Spielzeit wird sie denn auch die Hexe Jezibaba in Antonín Dvořáks „Rusalka“ singen, dazu wird sie in „Ariadne auf Naxos“ und „Oedipe“ zu sehen sein.

          Die „Momentanität“ des Gesangs

          Weil die Nachfrage nach Magiera groß ist und sie sich auf ihrer jungen Karriere nicht ausruhen will, sammelt sie Erfahrungen, wo sie kann. Quer durch Hessen und auch darüber hinaus ist sie unterwegs, gibt Kirchenkonzerte, macht Kammermusik mit einem Gitarristen, singt auf Liederabenden und stellt auch selbst immer neue Programme zusammen, derzeit etwa einen Zyklus zum Thema „Europa“. Seit Jahren ist Magiera außerdem immer wieder zu Gast im Frankfurter Goethehaus, um auf Gesangsabenden des Freien Deutschen Hochstifts aufzutreten. Dort hat sie Reichardts Goethe-Vertonungen gesungen und Gedichten Heinrich Heines ihre Stimme geliehen. Vor kurzem stand sie zum Geburtstag von Johannes Brahms auf der kleinen Bühne. „Ich brauche diese Abwechslung“, sagt sie. Die intimen Abende, die Nähe zum Publikum und das romantische Liedgut weckten eine andere Kraft in ihr als das Spektakel der Opernbühne. Ebenso wie die Oper schule der Vokalgesang ihr „Werkzeug“, wie sie ihre Stimme nennt. „Ich singe dort filigraner, vorsichtiger, gepflegter.“ Zum Sujet gehöre, das gesungene Wort wahrhaftig zu fühlen. Zeilen wie „Ich liebe dich, so wie du mich, am Abend und am Morgen“ aus Beethovens „Zärtlicher Liebe“ seien vielleicht unzeitgemäß, nachempfinden müsse sie das dennoch, um die Kunst stimmlich transformieren und sinnlich transportieren zu können.

          Am Flügel begleitet wird sie auf diesen Veranstaltungen nicht selten von Rüdiger Volhard, dem Rechtsanwalt und Kulturförderer, mit dem sie seit rund sechs Jahren eine freundschaftliche Beziehung verbindet und mit dem sie Literatur, Instrument und Gesang verknüpft. So faszinierend die unterschiedlichen Künste seien, sagt Magiera, so „beklagenswert“ sei doch die „Momentanität“ des Gesangs, der, anders als das Schreiben oder die Malerei, über den Augenblick und höchstens einen Tonträger hinaus nicht festgehalten werden könne. Zwei bis drei Jahre Vorbereitung investiere sie in manche Opernpartien, die nach der Phase der Aufführungen verhallten. Wenn sie Zeit findet, drückt sie sich mit Acrylfarben an der Leinwand aus, um etwas Bleibendes zu schaffen. Fraglich ist, wo in Magieras gut gefülltem Kalender Platz für ihr Privatleben bleibt. „Privat“, sagt sie, das Wort gebe es in ihrem Metier nicht. „Sänger sein heißt, 24 Stunden lang Sänger sein.“ Mit ihrem Mann, der auch Berufsmusiker ist, und ihrem kleinen Sohn lebt sie in Ober-Olm bei Mainz, laut Magiera eine wohlige Mischung aus Stadt und Land.

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