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Veröffentlicht: 19.02.2016, 12:10 Uhr

Karikaturist Beck Der Witz stellt sich beim Lesen ein

Auf dem Weg zum Erfolg hat er seinen Vornamen abgelegt. Schlicht „Beck“ heißt auch die Schau des Museums Caricatura in Frankfurt: Seine Scherze aber haben es in sich.

von Konstanze Crüwell

Kein anderer Zeichner bewegt sich so nahe an unserer Gegenwart wie Beck, ein Cartoonist der besonderen Art: Da fragt sich die trauernde Witwe in tiefem Schwarz, wo denn eigentlich die ganzen Facebook- und Twitterfreunde ihres verstorbenen Mannes bleiben, Denn sie ist ja ganz allein, als sie auf dem Friedhof hinter den Sargträgern zu seiner Grablegung geht. „Computersperre ist das neue ,Arsch versohlen‘“, informiert eine Mutter ihren Ehemann über die aktuellen Standards der Kindererziehung, was dieser offenbar ziemlich erstaunt zur Kenntnis nimmt. Und im Kinderzimmer hinter den beiden hat Beck den hell empörten, da nun PC-losen Sohn gezeichnet, der ganz rot vor Zorn ist und eine gewaltige Brüllerei veranstaltet. Was er angestellt hat und ob er die harte Strafe wirklich verdient hat, bleibt offen.

Bis zum 12. Juni zeigt das Frankfurter Caricatura Museum Arbeiten von Beck. Die jüngst eröffnete Ausstellung des Künstlers, der seinen Vornamen weglässt und - vielleicht als Ausgleich? - ein umgekehrtes „E“ im einsamen Nachnamen führt, ist ein seltenes Vergnügen und hat zugleich einen hohen Erkenntniswert. Nur auf den ersten Blick sind auf seinen Cartoons ganz harmlose Menschen in ihrem Alltag zu sehen, Angestellte, junge Mütter, Busfahrer, Hausfrauen, Skifahrer und ein Brautpaar vor der Kirche. Und alle diese Menschen, die er mit leichthändigem Strich so treffend charakterisiert, kommen einem gar nicht besonders fremd vor. Was sie tun oder erleben oder sagen, das ist indes fast immer verblüffend, seltsam oder vollkommen absurd, und das erschließt sich für den Betrachter ganz mühelos durch die jeweiligen Sprechblasen oder Kommentare von Beck, die zuverlässig jeglichen Ernst vermissen lassen: Der Witz stellt sich beim Lesen ein.

Das Karikieren von Lebenslügen

Denn Beck verfügt nicht nur über seinen reichlich vorhandenen Humor, und das in allen Schattierungen auf einer Skala von menschenfreundlich bis scharfsinnig, sondern gehört außerdem als sprachmächtiger Zeichner oder zeichnender Autor zur extrem raren Spezies der Doppelbegabung. Das zeigt sich zum Beispiel in der Aussage eines uralten Herrn über seine Gehhilfe: „Das Fahrzeug der Zukunft kann nur ein Rollator sein. Er sichert meine individuelle Mobilität, verbraucht null Energie und ist CO2-frei.“ Und dieser hochbetagte Umweltschützer geht gerade mit einem solch idealen Gefährt in schick rot lackierter Ausführung, im Park seines Seniorensitzes spazieren. Natürlich hat Beck mit diesem Satz eine Art Lebenslüge alter Menschen karikiert, die jedoch niemandem schadet und in Wirklichkeit vielleicht auch tröstlich wäre.

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Grimmiger sieht hingegen der ziemlich fette alte Mann im Schlabberhemd über dem fetten Bauch auf einem anderen Cartoon aus, der gelangweilt Zimmerpflanzen gießt. Sein kleiner Enkelsohn informiert vorsichtshalber seinen Freund: „Opa ist 68er. Man darf ihn nur mit APO ansprechen.“ Und beim Brautpaar direkt vor der Kirche fragt der Bräutigam die Braut „Hast du die Ringe dabei?“ „Sicher“, antwortet sie und versteckt die Handschellen hinter dem Rücken. Hübsch und jung sind übrigens beide nicht auf diesem Cartoon.

Seine großen Vorbilder

Beck ist ein Meister der präzisen Linie und ein Anhänger attraktiver Farben. Karikaturen haben den 1958 in Leipzig geborene Zeichner schon in der Kindheit begeistert, damals waren es die Werke des ostdeutschen Zeichners Henry Büttner, später die Cartoons von F.K. Waechter oder die Zeichnungen des Magazins „New Yorker“, die er im Monatsheft „Das Magazin“ sah.

Im Französischen Kulturzentrum in Ost-Berlin wurden Claire Bretécher, Wolinski oder Sempé zu seinen großen Vorbildern. Und gegen Ende der neunziger Jahre stellten sich die Erfolge als Cartoonist ein. Beck hatte zuvor einen kleinen Umweg über die Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen genommen, wo er kurz studierte. Schon 1984 wechselte er an die Kunsthochschule Berlin-Weissensee, wo er sich dem Studium der Gebrauchsgrafik widmete. Diese Ausbildung allerdings fand aufgrund seines „politischen Fehlverhaltens“ aber schon bald ein Ende, er wurde von der Schule verwiesen und arbeitete von 1987 an freiberuflich, unter anderem auch als Werbegrafiker.

Fast 400 Bilder zu sehen

Nach der Wende wurde auch Beck gesamtdeutsch, zeigte seine Werke nicht nur in Ost-Berliner Publikationen, sondern zudem im Berliner Veranstaltungsblatt „zitty“ oder in der „taz“. Er wurde von Anke Feuchtenberger in die Künstlergruppe „PGH Glühende Zukunft“ aufgenommen, zeichnete später für diverse Zeitschriften wie „Reader’s Digest“, „Brigitte“, „Natur und Kosmos“ und die Wochenzeitung „Die Zeit“. Und Beck zeichnet nach wie vor ohne Unterlass und mit offensichtlichem Vergnügen. Großen Spaß hat es ihm sicher auch gemacht, ein fiktives riesengroßes und weit oben an der Wand hängendes Pissoir des gigantomanischen Nazi-Architekten Albert Speer auf einem Cartoon darzustellen, ganz unerreichbar für Adolf Hitler, der klein und hilflos davorsteht und nur wutentbrannt nach „SPEER!“ schreit. Darunter bezieht Beck seine Karikatur auf das vor einigen Jahren gesendete „Doku-Drama“ mit einem winzigen „ . . . und ER: SEIN neues Pissoir“.

In der digitalen Welt kennen sich natürlich auch Becks Figuren ganz selbstverständlich aus, auch die Älteren, wie jener Mann, der auf seinen schnüffelnden Hund zeigt und seinem Nachbarn erklärt: „Für die einen ist es ein Laternenpfahl, für ihn ,Facebook für Hunde‘“. Gezeichnet hat Beck übrigens sogar noch kurz vor der Vernissage im Frankfurter Caricatura Museum, wo immerhin fast 400 Bilder von ihm hängen. Dass wir also noch viele weitere Cartoons von Beck, einem liebenswürdigen und seinen Gesprächspartnern ohne jede Allüren zugewandten Künstler, erwarten können, ist eine sehr erfreuliche Aussicht. Persönlich erleben kann man ihn am 23. April, bei einer Lesung zur „Nacht der Museen“, begleitet vom Spardosenterzett.

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Von Thorsten Winter

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