Vor dem Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann liegen spannende Tage. Er ist noch keine 80 Jahre alt und gehört somit zu den 115 Wählern im Kardinalskollegium, aus deren Kreis der neue Papst kommen wird. Am Freitag hat der Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, die Kardinäle nach Rom eingeladen, das Kollegium soll erstmals morgen zusammenkommen. Lehmann will am Dienstag nach Rom reisen. Nach 2005, als Joseph Ratzinger Kirchenoberhaupt wurde, ist es für ihn die zweite Papstwahl, an der er teilnimmt.
Bis zu Beginn des Konklaves werden aber noch einige Tage vergehen. In der papstlosen Zeit führt das Kardinalskollegium die Kirche. Die Kardinäle aus der Kirchenzentrale und aus aller Welt kommen täglich zu Generalversammlungen zusammen. Dazu sind auch jene Kardinäle eingeladen, die das Wahlalter von 80Jahren schon überschritten haben.
Unruhe unter den Kardinälen
Aber auch darüber hinaus werden intensive Gespräche geführt. Lehmann erwartet sich von diesem „außerordentlich lehrreichen“ Austausch viel und ist dagegen, mit der Wahl allzu rasch zu beginnen. Er möchte genug Zeit haben, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können, „ganz unabhängig von Stimmungen und Medienberichten“, wie er auf der Internetseite seines Bistums schreibt.
Stimmungen und Medienberichte gibt es zuhauf. Zum Inhalt haben sie den historisch zu nennenden Rücktritt Benedikts selbst, Stärken und Schwächen seines Pontifikats, Kriterien für mögliche Nachfolger, mutmaßliche Machenschaften im Vatikan. Unruhe gibt es auch in den Reihen der Kardinäle selbst: Ein Schotte ist zurückgetreten, er soll sich früher jungen Priestern ungebührlich genähert haben. Und gegen die Teilnahme eines Amerikaners am Konklave gab es Protest, er soll einst pädophile Priester geschützt haben.
„Eine begeisternde Vision“
An Themen für Gespräche der Kardinäle im kleinen Kreis oder in ihren Generalversammlungen wird es daher wahrlich nicht mangeln. Unter den wahlberechtigten Kardinälen sind sechs deutsche: außer Lehmann sind dies die Erzbischöfe Rainer Maria Woelki (Berlin), Joachim Meisner (Köln) und Reinhard Marx (München) sowie die Kurienkardinäle Walter Kasper und Paul Josef Cordes.
Über Anforderungen an den neuen Papst äußert sich Lehmann vor seiner Abreise zurückhaltend. Er müsse „eine nüchterne, aber begeisternde Vision haben vom Weg der Kirche in die Zukunft“, sagte er der „Allgemeinen Zeitung“ in Mainz. Aufbringen müsse er auch eine „hohe Durchsetzungsfähigkeit gegen mannigfaltige Hindernisse von innen und von außen“. In der „Rheinischen Post“ legt er dem neuen Papst außerdem eine Erneuerung der Kurie ans Herz und die Fortsetzung dessen, was das Zweite Vatikanische Konzil im Dialog mit der modernen Welt begonnen habe.
Lehmann spricht von „Demut“
Jener Dialog ist ein Leib-und-Magen-Thema Lehmanns. Die Kirche müsse sich „tief mit der Moderne befassen, will sie ernst genommen und ihrem Auftrag gerecht werden“, lautet sein Grundsatz. Wichtig ist ihm auch die Ökumene, für die das durch den Rücktritt erneuerte Verständnis des Papstamts Folgen haben wird, wie er wohl zu Recht vermutet. Nicht von ungefähr hatte er Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, persönlich eingeladen, am vergangenen Sonntag im Mainzer Dom am Dankgottesdienst für Benedikt XVI. teilzunehmen - ein wichtiges Zeichen.
Es war nicht das einzige: In seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit, den er im Dom verlas, skizziert Lehmann, ausgehend vom Pontifikat Benedikts, weitere Anforderungen an dessen Nachfolger, etwa wenn er von der „Demut“ des Papstamts spricht oder vom „Fundament eines lebendigen Glaubens“, das für die Kirche der Zukunft wichtiger sei „als ein Aktivismus jeglicher Art“. Was der Kirche nach Ansicht Lehmanns heute nämlich am meisten fehlt, ist jenseits von Debatten über Ämter und Strukturen, soziales Engagement und politische Aktivitäten „die vertiefte Einsicht und Vermittlung der Wahrheit des Glaubens, gerade auch in der Begegnung mit den Menschen von heute“.
Es gab Differenzen
Ganz ohne solche Debatten geht es aber auch nicht, wofür gerade Lehmann steht. Einige Beispiele: Vor gut 40 Jahren wirkte er an der „Würzburger Synode“ zur Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils in Deutschland mit, in der es auch um kirchliche Strukturen und den Beitrag der Kirche für Frieden und Gerechtigkeit ging. 20Jahre ist es her, als er mit den Bischöfen von Freiburg, Oskar Saier, und Rottenburg-Stuttgart, Walter Kasper, einen Vorstoß zugunsten wiederverheirateter Geschiedener in der Kirche unternahm. Auch er war für einen Verbleib der Kirche in der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung. Und nach der jüngsten Versammlung der Bischofskonferenz ließ er Sympathie für ein spezifisches Weiheamt für Frauen erkennen.
Der letzte Punkt hätte vermutlich zu Differenzen zwischen ihm und Benedikt XVI. geführt, in den anderen Punkten gab es sie auf jeden Fall. Als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Joseph Ratzinger die Initiative Lehmanns, Saiers und Kaspers zurückgewiesen. Er sorgte maßgeblich für den Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung, den Papst Johannes Paul II. 1999 verfügte - eine Niederlage, die Lehmann nach eigenem Bekunden am meisten mitgenommen hat.
Zerrbild über Ratzinger
Es war nicht zuletzt die Würzburger Synode, die eine Wegscheide zwischen ihnen markierte. Seither gab es, so Lehmann, „eine gewisse kirchenpolitische Differenz“. Lehmann war damals Professor in Freiburg, Ratzinger in Regensburg. Dieser habe ein anderes Kirchenbild gehabt und sich „nie in das Dickicht und das Unterholz des kirchlichen Betriebs hineinbegeben“.
Trotz aller Differenzen - etwa auch über den Ökumenischen Kirchentag in Berlin vor zehn Jahren - will Lehmann keinen Keil zwischen sich und Ratzinger treiben lassen. Nach dessen Wahl zum Papst im Jahr 2005 kritisierte Lehmann ein Zerrbild, das es über Ratzinger gebe. Drei Jahre später, zu seinem silbernen Bischofsjubiläum, hob Lehmann hervor: „Wir haben auf vielen Ebenen und lange zusammengearbeitet. Alles andere ist ein Märchen und lässt sich durch viele Dokumente auch widerlegen.“
„Aber manche Kritik war und ist überheblich“
Mit dem Rücktritt Benedikts ist die gemeinsame Kirchengeschichte der beiden profilierten Theologen in gewissem Sinn an ein Ende gekommen. An deren Beginn stand vor rund 50Jahren das Zweite Vatikanische Konzil. Ratzinger prägte es als Berater des Kölner Erzbischofs Josef Kardinal Frings entscheidend mit, Lehmann war 1963 in Rom zum Priester geweiht worden und Mitarbeiter des Konzilstheologen Karl Rahner.
An den Regierungsstil Benedikts könne man gewiss Fragen stellen, merkt Lehmann in seinem aktuellen Hirtenbrief an. „Aber manche Kritik war und ist überheblich.“ Oft werde dessen „offener Mut zum Dialog mit der heutigen Welt“ übersehen. Jene Fähigkeit also, die Lehmann auch dem neuen Papst wünscht.
Stillschweigen über die Wahl
Die Wahl findet in der Sixtinischen Kapelle statt. Wo sich sonst Massen von Besuchern drängeln, um einen Blick auf die berühmten Fresken Michelangelos zu werfen, wird in der Mitte eine aufgeschlagene Bibel liegen, auf die die Kardinäle den Eid ablegen, Stillschweigen über die Versammlung zu wahren. Sie werden ihre Stimmzettel in eine Urne werfen, so lange bis ein Kandidat die Zweidrittelmehrheit erreicht hat. „Das Konklave-Geheimnis schützt mit den stärksten Strafen, die es in der Kirche gibt, die Unabhängigkeit und Freiheit der Wahl sowie den Schutz der beteiligten Personen“, erläuterte Lehmann nach der Wahl im Jahr 2005, bei der aus Joseph Ratzinger BenediktXVI. wurde.
In einer seiner letzten Amtshandlungen hatte dieser am 22. Februar in einem Schreiben den Schutz der Vertraulichkeit noch einmal erhöht. Während des Konklaves wohnen die Kardinäle im Domus Sanctae Marthae, dem großen Gästehaus im Vatikan.
Nun geht es um Kirchenpolitik
Sie sollen während der Wahl mit niemandem sprechen, der mit der Abstimmung nichts zu tun hat. Ihnen ist es „in besonderer Weise verboten, solange das Wahlverfahren andauert, Zeitungen und Zeitschriften jeglicher Art zu erhalten wie auch Radio- oder Fernsehsendungen zu verfolgen“, wie es in den Wahlbestimmungen heißt.
Am vergangenen Sonntag, als Lehmann im Mainzer Dom seinen Hirtenbrief zum Papstrücktritt verlas, sagte er, es gehe ihm heute, an diesem Tag, um die Person Benedikts, nicht um Kirchenpolitik. Deren Stunde ist nun aber gekommen.
Was Lehmann meint, ist m.E. extrem falsch
Klaro von Hibbedribbebach (Waldbiker)
- 08.03.2013, 18:24 Uhr
einer der wenigen echten Christen
Karsten HEINZ (karsten4711)
- 04.03.2013, 05:37 Uhr
@ Johann Otto
Dirk Lehmann (DkLehmann)
- 04.03.2013, 00:25 Uhr
Die Lehmann-Kirche – eine Zumutung für jeden mit Verstand
Johann Otto (JohannOtto)
- 03.03.2013, 18:32 Uhr
Es bleibt spannend!
Herr Müller (Huckeltown)
- 03.03.2013, 17:19 Uhr