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Kampf für die Darmstädter Mundart : „Weswäje Dammstadt eumaalisch iss“

Darmstadtia: Ein Abbild der Schutzpatronin der Stadt von 1864 ziert künftig das Darmstädter Wissenschafts- und Kongresszentrum. Bild: Fricke, Helmut

Günter Körner kämpft seit 35 Jahren unverdrossen um die Darmstädter Mundart. Er sieht, wie sie im Schwinden begriffen ist, und er kennt noch viele alte Wörter.

          Günter Körner ist ein überaus humorvoller Mensch, auch wenn er einer aussterbenden Spezies angehört. Wenige wissen das besser als der „Bessunger Lapping“, der sich nicht nur mit Leib und Seele der Geschichte und Kultur seiner Heimatstadt verschrieben hat, sondern auch deren Darmstädter „Sproach“. Wobei da die Probleme mit dem Heiner-Deutsch schon anfangen. Heißt es jetzt mundartlich richtig „Sproach“ oder vielleicht doch besser „Sprooch“? „Das mit dem a und o ist immer schwierig“, sagt Körner, der in solchen Zweifelsfällen seine „Bibel“ befragt, das Darmstädter Wörterbuch von Johann Sebastian Dang von 1936, um am Ende nach seinem eigenen Bessunger Sprachempfinden zu entscheiden.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Körners Heimatliebe ist mindestens so groß wie seine Hartnäckigkeit. Erst die Verbindung von beiden erklärt überhaupt, warum der Diplom-Kaufmann, der bis zu seinem Ruhestand Finanzchef und Mitglied der Geschäftsleitung eines Heidelberger Unternehmens war, zum Beispiel die „Darmstadtia“ in Darmstadts Wissenschafts- und Kongresszentrum hat aufstellen können.

          Körner greift auch in die eigene Tasche

          Über die Schutzpatronin Darmstadts, „unser verstooße Mädsche“, hatte Körner 1997 einen Artikel im „Darmstädter Echo“ geschrieben, in dem er das Schicksal dieser 150 Jahre alten Sandstein-Schönheit beklagte. Es hat dann mehrerer tausend Euro bedurft für deren Sanierung und zudem vieler Gespräche mit der Stadt, bis ein dauerhafter Standort für das Werk des Bildhauers Johann Baptist Scholl des Jüngeren gefunden werden konnte (F.A.Z. vom 5. April).

          In die eigene Tasche für Darmstadt zu greifen ist für Körner nichts Ungewöhnliches. Den ältesten Schöpfbrunnen der Stadt hatte er vor Jahren auch auf eigene Kosten restaurieren lassen. Nur den „Turmschreiber“, den der Förderverein Hochzeitsturm im vergangenen Monat vorgestellt hat, finanziert er nicht selbst, sondern der Verein, in dem er Mitglied ist. Aber die Idee für dieses Literatur-Stipendium stammt natürlich von ihm. Sein nächstes Projekt lagert schon im Keller, ein weiterer Sanierungsfall. Mehr will er derzeit noch nicht verraten.

          Für mehr Verständnis

          Die Pflege der Darmstädter Mundart stirbt nach dem Befund Körners langsam aus, obwohl er als „Riwwelmaddhes“ seit 35 Jahren kontinuierlich die Mundart-Fahne hochhält. Unter diesem Autorenamen sind über die Jahre hinweg inzwischen mehr als 800 Artikel von ihm im „Darmstädter Echo“ erschienen. Für das Verständnis empfiehlt es sich grundsätzlich, sie laut zu lesen. Dann erschließen sich Sätze wie „Geehds Eisch net aach so, dass Eisch-de Moat Nowember immer so uffs Gemied schleggd wir mir?“ einfacher, und es lässt sich auch leichter nachvollziehen, „weswäje Dammstadt eumaalisch iss“.

          Körners Bemühungen um die Mundart als Autor, aber auch als Stadtführer ist ein Hobby, das er mit professionellem Anspruch betreibt. Davon zeugen zum Beispiel die Germanistik-Seminare und „Einführungen ins Heiner Deutsch“, die er am Institut für Sprache und Literaturwissenschaft der Technischen Universität gegeben hat.

          Geeint in der Liebe zum Perfekt

          Sein Interesse hat familiäre Wurzeln: „Mein Großvater stammte noch aus der Altstadt, ich bin also home-made.“ Natürlich gehört der Datterich zu den bleibenden Gegenständen seiner Sprachforschung. Die Befunde sind allerdings leider zwiespältig: „Was im Datterich steht, verstehen heute viele nicht mehr“, sagt Körner und führt als Bespiel den Satz an „Des hot sei bolitische Naube“. Was, bitte, meint Naube? „Naube steht für Tücke“, erklärt der Sprachspezialist.

          Mit „Menaschirn se sich“ sei wiederum die Aufforderung verbunden, sich zu mäßigen. Wer aber weiß das heute noch außer Körner und den Mitgliedern der Hessischen Spielgemeinschaft, die das Erbe Ernst Elias Niebergalls und seines „Datterich“ pflegen? Wer kennt noch die Feinheiten des Heiner-Deutsch und weiß um das Mundart-Gefälle zwischen Bessungen und Arheilgen? Wo es einmal für den Garten „Gadde“ heißt und weiter nördlich „Goarde“. Immerhin, einig sind sich die meisten echten Darmstädter weiterhin in der Liebe zum Perfekt. „Ich aß“ oder „ich gab dir etwas“ ist eine mundartlich atypische Vergangenheitsform, bevorzugt wird „ich habe gegessen“ oder „ich habe dir etwas gegeben“. Nicht sonderlich beliebt ist auch das harte „g“, das der richtige Südhesse gerne zum weichen „ch“ umformt (gesagt - gesacht).

          Geblieben ist außerdem die Eigenart, überall hin zu machen. So macht der Darmstädter am Wochenende sowohl in den Goarde oder Gadde wie in die Wirtschaft, er sagt, „ich mach nach Hause“ und am späten Abend macht er sogar ins Bett. Selbstredend machen sich die beiden großen Volksstämme, die „Heiner“ und die „Lapping“, diesen Sommer auch wieder auf zum Heinerfest. Dort können sie Körner, der vor Jahren zum „Lokalpatrioten“ gekürt wurde, im Burggraben antreffen, wo - soviel sei verraten - mundartlich „der Bär“ los sein wird.

          Quelle: F.A.Z.

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