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Geflüchtete Jugendliche : „Sie sind einfach da“

Die Tür steht offen: Ein geflüchteter Jugendlicher im Hof des Antoniusheimes Wiesbaden. Bild: Cornelia Sick

Unter den Flüchtlingen in Wiesbaden leben 118 Jugendliche. Sie haben sich auf Schlepper und auf sich selbst verlassen - und Glück gehabt.

          „Frankfurt oder Wiesbaden?“, fragte der Schlepper. Der sechzehnjährige Najib aus Somalia kannte keines der Ziele. Er entschied sich für Wiesbaden. Vier Monate nahm der Landweg in Anspruch. Seit wenigen Tagen lebt Najib in einer Wohngruppe für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          So lautet die amtliche Bezeichnung für Kinder und Jugendliche, die ihre Familien in Not und Elend zurücklassen, um fern der Heimat ein besseres, menschenwürdiges Leben zu führen. Zusammen mit elf anderen Flüchtlingen lebt Najib jetzt in einer Unterkunft, die der Jugendhilfeverbund Antoniusheim, eine Gesellschaft der Caritas, angemietet hat. 18 weitere Ankömmlinge werden erwartet. Die meisten von ihnen sind sogenannte Selbstmelder.

          Flüchtlinge wohnen in Gartenbaubetrieb

          Sie werden nicht durch eine Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen geschleust und der Kommune in einem geordneten Verfahren zugewiesen. „Sie sind einfach da“, sagt der städtische Sozialdezernent, Bürgermeister Arno Goßmann (SPD). „Auch wenn sie an einem Freitagabend kommen - wir tun unsere Pflicht und nehmen sie in unsere Obhut.“

          Die Zahl der benötigten Plätze ist von 40 im vergangenen Jahr auf 118 gestiegen. Darum dienten in den zurückliegenden Monaten als vorübergehende Schlafplätze eine Turnhalle, die Etage eines Hotels und Zimmer in einem ehemaligen Altenheim. Die neue Unterkunft besteht aus Gebäuden, die früher zu einem Gartenbaubetrieb gehörten.

          Wörterbuch als Begrüßungsgeschenk

          Die Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) hat die Immobilie gekauft und will dort 2018 eine Wohnsiedlung errichten. Doch angesichts des aktuellen Bedarfs hat SEG-Geschäftsführer Roland Stöcklin umdisponiert. Innerhalb von wenigen Monaten wurden die alten Gebäude saniert, so dass dort 30 Plätze in vorzeigbaren Zimmern mit Duschen und Toiletten auf dem Flur zur Verfügung stehen. In diesem Fall übernehme das Land die Kosten, stellt Goßmann fest. Das Antoniusheim versorge die jungen Ankömmlinge im Auftrag der Kommune.

          Essen, Trinken und ein Bett seien nach der Ankunft erst einmal das Wichtigste, sagt Sebastian Hofmann, der Erziehungsleiter des Antoniusheims. Als Willkommensgeschenk gebe es ein Wörterbuch. Muslime hätten außerdem bis vor kurzem noch einen Gebetsteppich bekommen. Aber die bestellten Lieferungen seien wegen der zu hohen Nachfrage ausgeblieben.

          Geflüchtete haben häufig Krätze

          Weil die jungen Leute in der Regel keine Papiere besäßen, gelte es zunächst, ihr Alter festzustellen. Sind die Ankömmlinge volljährig, werden sie zum Erstaufnahmelager nach Gießen gebracht. Gehen müssen sie auch, wenn sie schon in einer anderen Kommune aufgenommen wurden. Großstädte seien wegen der sich dort bietenden Möglichkeiten beliebter als ländliche Regionen, erklärt Hofmann. Wer dort gelandet sei, versuche manchmal, sich noch zu verbessern.

          Das kommunale Gesundheitsamt und niedergelassene Ärzte kümmern sich um die körperliche Verfassung der Flüchtlinge. Häufig werde Krätze festgestellt, berichtet Hofmann. Sie lasse sich aber rasch und gut behandeln. Nach seinen Worten kommen alle Ankömmlinge in den Genuss deutscher Sprachkurse. Schwieriger sei es, Plätze in Schulen und überbetrieblichen Ausbildungsstätten zu finden. Trotzdem gelte das Credo des Antoniusheims: „Niemand darf uns ohne eine Perspektive verlassen.“

          Wiesbaden tut sich hervor

          Die Betreuer begleiten auch das Asylverfahren. Die bei weitem meisten jungen Flüchtlinge kommen aus Eritrea, Somalia und Afghanistan. Die große Mehrheit ist männlich. Die Familien ließen die Mädchen nur selten gehen, weil sie es ihnen angesichts der Gefahren nicht zutrauten, sich über Monate und Jahre allein durchzuschlagen, heißt es im Amt für soziale Dienste.

          Wer es bis Wiesbaden schafft, scheint es gut getroffen zu haben. „Entwicklungen, die es andernorts gibt, haben wir hier bis jetzt nicht“, stellt Goßmann fest. Es gelte nach wie vor die Verabredung, dass keine Partei aus der Flüchtlingsproblematik Kapital schlage. „Wir kommen damit klar.“

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