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Judo Zwischen Bundeswehr, Studium und Judomatte

Die Karriereplanung von Alexander Wieczerzak ist komplex, hat aber ein klares Ziel: Rio de Janeiro. Zunächst ist erst einmal Köln dran.

© Wonge Bergmann Vergrößern Voller Freude und Kampfesgeist: Alexander Wieczerzak inmitten von Mitspielern und Gegnern.

„Ich bin zu Hause“, sagt Alexander Wieczerzak am Telefon, nachdem er vom Trainingslager aus Schweden zurückgekehrt ist, „in Köln.“ Das ist neu - und es ist ein gutes Zeichen, dass er seine neue Heimat schon als „zu Hause“ bezeichnet. Schließlich ist er gerade erst umgezogen. Mit 21 Jahren und dem Abitur in der Tasche stand der Wiesbadener in diesem Sommer vor der Frage, wie er sein weiteres Leben gestalten sollte. Ausbildung, Berufsziel, Wohnort - vieles ist neu, alles anders. So weit, so üblich in seinem Alter.

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Der Unterschied zu anderen Twens ist die sportliche Perspektive, die neben der privaten und der beruflichen die dritte Säule in seinem Leben bilden soll. Und die genaugenommen den Rest tragen soll. Alexander Wieczerzak ist einer der hoffnungsvollsten Judokämpfer in Deutschland. Junioren-Weltmeister war er 2010 in der 73-Kilo-Klasse. Mittlerweile - er hat an Erfahrung, Kraft und Gewicht zugelegt - kämpft er in der Klasse bis 81 Kilogramm. Es ist die schwierigste, weil am dichtesten besetzte. Dennoch hat er ein klares Ziel vor Augen: Rio de Janeiro - die Olympischen Spiele 2016. Vier Jahre sind eine lange Zeit. Doch den Olymp zu besteigen, will geplant sein. „Die letzten Monate meines Lebens gingen hin und her“, sagt Wieczerzak. Ein Angebot der Bundespolizei in Kienbaum hat er abgelehnt. Stattdessen entschied er sich, nach Köln zu gehen, um im Bundesleistungszentrum trainieren zu können. Zudem will er vom Sommersemester an Betriebswirtschaft studieren. Schon jetzt verpflichtete er sich für zwölf Monate bei der Sportförderkompanie der Bundeswehr. Seine Schweizer Freundin Delia Collenberg ist den Weg nach Köln mitgegangen. Die blonde junge Frau kommt aus Winterthur, war selbst eine ambitionierte Judo-Kämpferin, hat die ganz große Karriere aber nicht eingeschlagen. Stattdessen absolvierte sie eine Ausbildung als Schneiderin, will sich in der Modebranche etablieren. Gemeinsam haben sie den Umzug gestemmt, die Wohnung ist halbwegs eingerichtet. Jetzt kommt die Bewährungsphase: Klappt der Alltag?

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„Ich musste dafür einiges einstecken“

Im Januar steht für Wieczerzak die Grundausbildung bei der Bundeswehr an. Sind diese sechs Wochen erst mal überstanden, wird sein Dienst fürs Vaterland vornehmlich aus Sport bestehen. Dem Feilen am kämpferischen Können - dem Wahrnehmen der Chance, die sich ihm im Judo offenbart. Die Gelegenheit ist günstig. Ole Bischof, langjähriger Platzhirsch im Halbschwergewicht, hat nach den Spielen in London seine sportliche Karriere beendet. Bischof war 2008 Olympiasieger und gewann 2012 Silber. Schon vor zwei Jahren hat er Alexander Wieczerzak als einen seiner möglichen Nachfolger bezeichnet. Doch der Weg nach oben ist enger als in anderen Sportarten: Judo ist in der ganzen Welt verbreitet, es gibt Olympiasieger aus allen Kontinenten, und jede Nation darf in jeder Gewichtsklasse nur einen einzigen Athleten zu den Spielen schicken.

Dieser eine aus Deutschland will Wieczerzak sein. „Ich musste dafür einiges einstecken“, sagt er schon jetzt. Doch er klagt nicht. Die Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Trainer Sergio Olliviera aus Kaiserslautern, wo er an einer Eliteschule des Sports sein Abitur machte, kann er nicht mehr im bisherigen Maß aufrechterhalten. Stattdessen wird jetzt U-23-Bundestrainer Daniel Gürschner sein erster Ansprechpartner sein. Unter dessen Führung tritt Wieczerzak schon Mitte November bei der U-23-Europameisterschaft in Prag an. Dort rechnet sich der rheinische Vertreter gute Chancen auf einen weiteren Titel aus. Erst vor Wochenfrist hat er in der Männer-Hauptklasse den European Cup in Boras/Schweden gewonnen, und dabei auch die nationalen Konkurrenten Hannes Conrad und Benjamin Muennich hinter sich gelassen. Noch werden zwar keine Bonuspunkte für Olympia verteilt, doch sich rechtzeitig an der Spitze der nationalen Rangliste zu plazieren, kann nicht von Nachteil sein.

Bleibt noch die Frage, ob er seinem Heimatverein über die Distanz treu bleiben wird. Der Judo Club Wiesbaden (JCW) ist gerade erst aus der Bundesliga abgestiegen, und Zweitklassigkeit ist natürlich keine Herausforderung für einen, der zu Olympia will. JCW-Trainer Philipp Eckelmann hofft dennoch, seinen besten Kämpfer halten zu können, zumal dieser schon gesagt hat: „Mein Wunsch ist, weiter für den JC Wiesbaden zu kämpfen.“ Nach der U23-EM will er sich entscheiden, ob diese Haltung auch zielführend wäre. Möglicherweise gelingt ihm in dieser Frage ein Spagat: Im Judo besteht die Chance, das Startrecht für Einzel- und Mannschaftskämpfe zu splitten. Und mit mehreren Heimaten kennt er sich ja aus.

Quelle: F.A.Z.

 
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