Am dramatischen Höhepunkt können die Schüler das Lachen nicht mehr unterdrücken. Herzog Karl Alexander zuckt und windet sich im Todeskampf, das Schicksal des Joseph Süß Oppenheimer und des Landes Württemberg steht am Wendepunkt - und im Kino wird losgeprustet. Man kann es den jugendlichen Zuschauern nicht verdenken. Die Herzattacke, die wie ein Blitz in den bis dahin so lebensstrotzenden Aristokratenkörper fährt, wirkt für heutige Sehgewohnheiten einfach nur albern.
Die etwa 120 Gymnasiasten im Kinosaal des Deutschen Filmmuseums besuchen die Oberstufen der Ernst-Reuter- und der Wöhlerschule, weitere Schüler sind aus Herborn und Fulda angereist, um sich mit ihren Lehrern den antisemitischen Propagandafilm „Jud Süß“ anzuschauen. Die Vorführung gehört zum Programm der Schulkinowochen Hessen, die noch bis Ende nächster Woche dauern. Mehr als 40000 Schüler sehen Filme von Scorseses „Hugo Cabret“ über japanische Anime bis zu hessischen Eigenproduktionen. Ergänzt werden die Vorführungen durch Gespräche mit Filmschaffenden und Experten.
Schon zu Anfang wird festgestellt, worauf es ankommt
Im Fall von „Jud Süß“ ist eine fachkundige Begleitung nicht nur sinnvoll, sondern auch vorgeschrieben. Veit Harlans Propaganda-Machwerk aus dem Jahr 1940 gehört zu den sogenannten Vorbehaltsfilmen aus der Nazizeit, die wegen ihres rassistischen und hetzerischen Inhalts nicht frei verkauft oder verliehen werden dürfen. Dagegen ist das Vorführen, anders als oft angenommen, erlaubt. Voraussetzung ist die Einbettung in eine historische Einführung und eine anschließende Diskussion.
Im Kinosaal des Filmmuseums hat diese Aufgabe ein Filmpädagoge übernommen. Gleich zu Anfang stellt er fest, worauf es ankommt: Wer „Jud Süß“ gesehen habe, „kann viel besser verstehen, warum die Eltern- und Großeltern-Generation dieser Propaganda aufgesessen ist“. 22 Millionen Deutsche hätten den Film gesehen, KZ-Aufseher seien sogar dazu verpflichtet gewesen, sagt er. Die allermeisten aber seien freiwillig ins Kino gegangen, um sich unterhalten zu lassen. Und genau das sei die Absicht des cinephilen Reichspropagandaministers Joseph Goebbels gewesen, der den Film in Auftrag gegeben und die Produktion gesteuert hatte. Vom Glanz damaliger Stars wie Ferdinand Marian und Kristina Söderbaum, von einer spannend und filmisch hochwertig inszenierten Geschichte seien die Zuschauer verführt und im Sinne des Regimes manipuliert worden. „Das ist die beste Propaganda, die gar nicht als solche wahrgenommen wird.“
Die keusche Turtelei wirkt eher peinlich
Vermutlich hat der Filmpädagoge damit recht. Doch ob und wie etwas wahrgenommen wird, gerade, wenn es medial vermittelt ist, hat sich seit 1940 verändert. Die vom Referenten angesprochenen Eltern und Großeltern, wohl eher die Urgroßeltern der heutigen Gymnasiasten, mögen sich mit der blondgelockten Dorothea und ihrem Faber identifiziert haben. Heute jedoch wirkt das gemeinsam intonierte Volkslied und die keusche Turtelei, die der Filmpädagoge als Sinnbild der „völkischen“ Reinheit versteht, eher peinlich. Die Schüler in den Sitzreihen wenden sich betreten ab, romantische Gefühle überkommen jedenfalls niemanden beim Anblick einer derart gekünstelten Liebesszene.
Lässt der steife, in seiner Ehrbarkeit schrecklich eindimensionale Bräutigam den Zuschauer anfangs noch kalt, so setzt schlagartig die Distanzierung ein, als Faber den Juden ihre Menschenrechte abspricht und sie aus Stuttgart vertreiben will. Expliziter Antisemitismus war vor dem Holocaust in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung akzeptiert, Medien konnten ohne weiteres daran anknüpfen. Heute sind solche Äußerungen, auch unter Jugendlichen, um es in deren Sprache zu formulieren, ein „No-go“: Eine Filmfigur, die sich so offen judenfeindlich äußert und zugleich derart einfältig verhält, würde jeder Anti-Rassismus-Kampagne gute Dienste leisten.
Fremdheit stellt heute keine Bedrohung mehr dar
Ein interessanterer Charakter ist Joseph Süß Oppenheimer. Der jüdische Berater des Herzogs ist ein charmanter Kerl, dessen Schandtaten vor dem Hintergrund der gezeigten antisemitischen Diskriminierung geradezu verständlich werden. Überhaupt ist es mit der Identifikation heute längst nicht mehr so einfach wie früher. Das Publikum ist Antihelden gewohnt, Grundschüler tragen Kapuzenpullis mit Darth Vader auf der Brust, Gymnasiasten hören Sido und Bushido, wenn dann irgendwann die Ironiefähigkeit einsetzt, auch Heino; und schließlich, wenn sie Bildung und ein Dolby-Surround-Heimkino erworben haben, begeistern sie sich für ambivalente Helden wie Tony Soprano und den krebskranken Chemielehrer beziehungsweise Drogenbaron Walter White.
Auch die Bedeutung dessen, was eigen und was fremd ist, hat sich verändert. Die jüdischen Riten, obwohl oder vielleicht weil von Harlan ins Klischee überdreht und verfälscht, lassen das jugendliche Publikum still und aufmerksam in seinen Kinositzen verharren. Fremdheit, sofern sie so goldglitzernd touristisch inszeniert wird, stellt für eine Generation, die im Fernsehen und auf Youtube eigentlich schon alles gesehen hat, keine Bedrohung mehr dar, sondern eine willkommene Abwechslung.
Ein sympathischer alter Lüstling
Erfrischend wirkt auch Oppenheimers Witz, insbesondere deshalb, weil sämtliche „Deutsche“ im Film heutigen Rezipienten als dröge, bornierte Einfaltspinsel vorkommen müssen, die trotz ständig ins Gesicht schießender Zornesröte so langweilen, dass man ihnen die „vom Juden“ auferlegten Steuern nur gönnen kann. Allein der Herzog sticht unter den pietistischen Biedermännern heraus, ein feister, eitler Tor, der gerne ein Sonnenkönig wäre statt seinen Untertanen und Ständen konstitutionell verpflichtet.
Fast wirkt auch dieser alte Lüstling sympathisch unter all den sittenstrengen Moralaposteln. Der Filmpädagoge allerdings sieht in der von Heinrich George verkörperten Figur einen Kunstgriff Harlans, der auch einen „bösen Deutschen“ habe zeigen wollen, damit der Film nicht allzu offensichtlich rassistisch wirke. Naheliegender ist die Vermutung, dass Goebbels nicht nur die Juden als Volksschädlinge verunglimpfen, sondern auch den ihm verhassten Adel als korrupt und verderbt denunzieren wollte.
Der jüdische Gelehrte hustet
Es ist nicht so, dass die Schüler im Filmmuseum sich nicht auf die Vorführung und die damit verbundene aufklärerische Absicht einließen. In der anschließenden, als Diskussion angekündigten Belehrung versuchen sie, die an sie gerichteten Erwartungen zu erfüllen. Sie bemühen sich, die Fragen des Referenten zu beantworten, auch wenn dieser über vermeintlich falsche Antworten lächelt und keinen Zweifel daran lässt, dass er alle Lösungen schon im Kopf hat. Weshalb wir den jüdischen Gelehrten widerlich finden? „Na, kommt niemand drauf?“ Klar, weil er hustet.
Und was fällt uns zu der Passage ein, als die zerlumpten Juden in die ihnen bis dahin verwehrte Stadt Stuttgart einziehen? Stille unter den Schülern. Dabei war vorher doch schon einmal erwähnt worden, dass ähnliche Bilder heute sogar in der Tagesschau zu sehen seien. „Ich habe versucht, Ihnen einen Wink mit dem Zaunpfahl zu geben“, sagt der Filmpädagoge in leicht vorwurfsvollem Ton, um sogleich die Auflösung in Form eines Studienergebnisses zu liefern: „25 Prozent aller Deutschen haben fremdenfeindliche Tendenzen.“
Der Einwurf passt nicht ins Konzept
Zaghaft wendet ein Gymnasiast ein, dass die dargestellte Armut und Fremdartigkeit der jüdischen Zuzügler auf ihn gar nicht abstoßend gewirkt habe: „Ich finde eher den Staat unsympathisch, dass er die Juden so behandelt.“ Der Pädagoge geht darüber hinweg, es passt nicht ins Konzept. Dabei wäre das doch einmal ein interessanter Ansatz gewesen: Offenbar konnte Harlans Propagandawerk nur unter bestimmten, geschichtlich fixierten Rezeptionsbedingungen so in den Bann ziehen, dass die Zuschauer im Kino „Der Jude muss weg!“ schrien.
Warum bewirken viele Sequenzen desselben Films im Jahr 2013 offensichtlich das Gegenteil des Beabsichtigten? Und wie ist Propaganda heute gemacht, welcher Medien und Darstellungsformen muss sie sich bedienen, um ihr Publikum zu manipulieren? Aufschlussreich könnten ein paar Stunden Casting-Show im Privatfernsehen sein.
Propaganda?!
Klaus Demota (romanustotus)
- 11.03.2013, 15:42 Uhr
Ich bin ratlos...
Klaus D. Wolf (LaoK)
- 11.03.2013, 15:01 Uhr
Gut gemeint vs. gut gemacht
Ralf Herbert Scherzer (R.H.Scherzer)
- 11.03.2013, 09:45 Uhr
Hoffentlich ist ein Pädagoge auch dabei...
Bernd Winkler (Langsamdenker)
- 10.03.2013, 18:40 Uhr
grenzdebiles Gutmenschentum
tobias jünemann (biomechanicaldesaster)
- 10.03.2013, 18:17 Uhr