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Journalistin Jutta Thomasius im Gespräch : „Hunde helfen immer“

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Sie sah Cassius Clay, wie Gott ihn schuf: Jutta Thomasius traf den Boxer 1966. Bild: Röth, Frank

Sie ist Frankfurts bekannteste Journalistin. Jutta W. Thomasius hat 50 Jahre für die „Frankfurter Neue Presse“ geschrieben. Und schreibt und schreibt und schreibt.

          Frau Thomasius, Sie werden nächstes Jahr 90, leben am Bodensee, kommen aber regelmäßig nach Frankfurt. Immer noch mit dem Auto?

          Aber klar. Ich fahre Auto, seitdem ich sechzehn bin. Die Sondergenehmigung bekam ich, weil mein Vater schwer kriegsverletzt war und nur ein Bein hatte.

          Sie sind auch sonst erkennbar fit. Wie lautet Ihr Rezept?

          Erstens ist es die Veranlagung. Zweitens meine liebevolle, aber sehr strenge preußische Erziehung.

          Wie würden Sie Ihre Eltern beschreiben?

          Es sind großartige Eltern gewesen. Meine Mutter brachte die musisch-künstlerische Seite ein, mein Vater die des Offiziers und Kaufmanns. Sie waren sehr unterschiedlich, auch äußerlich. Meine Mutter war mollig und mein Vater hatte das gern, der Papa wollte was zum Anfassen.

          Wie, wo und wann hat eigentlich Ihre journalistische Karriere begonnen?

          Das war in Frankfurt, hat aber eine Vorgeschichte. Ich hatte nach dem Krieg unter der französischen Besatzung einen Job bei der Militärregierung bekommen, einer aus unserer Familie musste ja Geld verdienen. Also wurde ich, da ich Französisch spreche, beim Gouvernement Militaire in Ravensburg angestellt. Ich musste Dienstmädchen für die französischen Offiziere besorgen, die mit ihren Familien nach Deutschland gekommen waren.

          Und irgendwann sind Sie verhaftet worden?

          Mit wurde vorgeworfen, Dokumente unterschlagen zu haben. In Wahrheit - wir besaßen nach dem Krieg ja wirklich gar nichts - hatte ich bedrucktes Papier als Schmierzettel mitgenommen, bei dem die Rückseite frei war. Also kam ich zunächst für neun Monate ins Gefängnis, von denen ich dann aber nur drei absitzen musste. Die Strafe wurde auch nicht ins Strafregister eingetragen. Am Anfang war ich mit einer Kindsmörderin, später mit einer netten Industriellengattin in einer Zelle. Es war keine vertane Zeit, ich habe dort fürs Leben gelernt.

          Und wie verschlug es Sie nach Frankfurt?

          Ein Onkel lebte hier, der meinte, in Frankfurt würde ich am ehesten Arbeit finden. Ich ging zum Arbeitsamt, ich konnte mit Französisch, Englisch und einem Germanistikstudium in Freiburg und Straßburg dienen. Man schickte mich zur „Neuen Zeitung“ der Amerikaner, die eine Sekretärin für die Deutschland-Redaktion suchte. Chefredakteur war damals Hans Wallenberg. Der kannte meinen Onkel, den berühmten Reporter Christian Buchholz von der „BZ am Mittag“. Wallenberg sagte: „Als Sekretärin sind Sie bei uns ja falsch, konzentrieren Sie sich mal auf den Journalismus.“ Also wurde ich durch sämtliche Redaktionen geschleust, selbst Sport musste ich machen, obwohl ich doch völlig unsportlich war. Als die Redaktion der „Neuen Zeitung“ nach Berlin ging, bekam ich eine Stelle bei Fini Pfannes’ „Frauen-Journal“. Fini Pfannes war eine hochinteressante Person, eine rumänische Jüdin, die sich in Deutschland mit einem Parteigenossen verheiratet hatte, um ihre Familie zu schützen. Sie gab das „Frauen-Journal“ heraus und war gleichzeitig Gründerin und Präsidentin des Deutschen Hausfrauen-Bundes.

          Worüber haben Sie damals geschrieben?

          Unter anderem bat Fini Pfannes mich eines Tages, ein Nahrungs-Horoskop zu schreiben. Ich verstand weder etwas von Ernährung noch von Sternzeichen, aber ich habe mir dann einfach etwas aus den Fingern gesogen. Dann musste der Skorpion sich halt mit Alkohol zurückhalten, während der Krebs sich durchaus ein Gläschen Wein gönnen durfte, aber Mehlspeisen meiden sollte. Das wurde eine sehr populäre Rubrik. Eines Tages aber sagte Fini Pfannes, die sehr fürsorglich war: „Also, Kindchen, das bringt Sie hier nicht weiter, machen Sie sich selbständig als freie Journalistin - wenn Sie finanziell nicht zurechtkommen, helfe ich Ihnen mit Aufträgen.“

          Und für wen haben Sie dann gearbeitet?

          Ich hatte schon nebenher ein bisschen für die „Offenbacher Abendpost“ als Freie geschrieben, und dann bekam ich viele Aufträge von der „Frankfurter Neuen Presse“, als der erste Evangelische Kirchentag in Frankfurt stattfand. Ich kam zurecht und konnte mir ein Zimmer mieten.

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