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Jockey Hungrige Rivalen der Rennbahn

 ·  Zigaretten statt Schokolade, wenig Geld: Das Leben als Jockey ist nicht ganz so federleicht wie seine Ausrüstung. Ein Nachmittag in der Jockeystube in Niederrad.

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Die Waage. Da müssen alle drauf, vor und nach dem Rennen. Reithelm auf den Stuhl legen, Sattel unter den Arm klemmen: 53,5 Kilogramm zeigt die Anzeige. Daumen hoch. Durchatmen. Dann geht es in die Jockeystube. In diesem Raum an der Rennbahn in Niederrad sieht es aus wie in einer normalen Umkleidekabine für Sportler. Fast: Es stehen keine Getränkeflaschen herum, und auch kein Papier von Schokoriegeln liegt im Abfallkorb, denn das wäre der Sündenfall für einen Rennreiter. Essen? Trinken? „Das geht gar nicht“, sagt Jockey Stephen Hellyn, „das kostet alles Gewicht.“

An einem Renntag darf er nicht mehr als 55 Kilo auf die Waage bringen - inklusive Ausrüstung. Das Frühstücksbrötchen hat er sich schon verkniffen. „Eine Tasse Kaffee, das muss reichen.“ Gegen das Hungergefühl hilft nur Ungesundes. Zwischen zwei Rennen trifft man Jockeys schon mal auf ein Schwätzchen mit einer Zigarette. „Mehr als ein Salat ist am Abend vorher nicht drin. Vielleicht mit einem Hühnchenstreifen“, erzählt Hellyn. Das sieht man dem Belgier an, er ist gertenschlank. Und klein, 1,62 Meter. Terence Hellier grinst. Der Sechsundvierzigjährige ist ein alter Fahrensmann, er kennt das Thema Ernährung zur Genüge. „Alles eine Frage der Disziplin“, sagt er. Wer sich nicht damit herumquälen will, zwei Kilo in der Sauna abzuschwitzen, hält sich an einen strengen Ernährungsplan. „Pommes gibt es höchstens mal im Winter.“

Mehr als 1800 Siege

Schon vor 250 Jahren ging es um jedes Gramm, als im englischen Newmarket die erste Seidenjacke für Jockeys vorgestellt wurde. Nicht, weil sie so elegant aussieht, sondern weil sie fast nichts wiegt. Auch wenn in den Siegerlisten immer zuerst die Pferde auftauchen - ohne die Künstler im Sattel geht es nicht. Sie sind gewissermaßen die letzten Outlaws im Sport, denn Muskeln zählen nicht, im Gegenteil: „Fitnessstudios sind für uns tabu, Muskeln sind schwerer als Fett“, sagt Hellyn. Alles ist auf „leicht“ getrimmt, auch das Equipement. Ein Rennsattel wiegt keine 500 Gramm, im Grunde ist er nicht mehr als ein Stück Kunststoff oder Leder mit Steigbügeln. Gesessen wird ohnehin nicht darauf. Jockeys stehen über der Schulter des Pferdes, sie geben die Hinterhand völlig frei. Ein Balanceakt bei Tempo sechzig.

Auf dem Flachbildschirm läuft die Wiederholung des letzten Rennens. Hellyn stupst seinen Kollegen Koen Clijmans an: „Guck! Da bin ich durch die Lücke.“ Neben ihm blättert Andrasch Starke unaufgeregt im Rennprogramm. Der fünfmalige Derby-Sieger und zweimalige Jockey-Weltmeister ist der Star der Szene, er muss nach mehr als 1800 Siegen nicht mehr jeden Rennverlauf kommentieren. Aus der Kiste unter ihm fischt der Siebenunddreißigjährige das in den Stallfarben gehaltene Jersey für seinen nächsten Ritt. Von hier aus kann der berühmte „Kistenritt“ seinen Lauf nehmen. Denn manchmal fällt ein Jockey plötzlich aus: „Dann kommt ein Trainer in die Jockeystube und fragt einen von denen, die auf der Kiste sitzen: Kannst du gleich für mich reiten?“ Nicht selten wird daraus ein Sieg. Deshalb entfernen sich Jockeys zwischen den Rennen auch nicht weit von ihrer Stube. Es könnte ja ein Kistenritt und ein zusätzlicher Verdienst dabei herausspringen.

Jocketten heißen die Damen

Denn die meisten Jockeys und Jocketten, so die Bezeichnung für weibliche Rennreiter, sind Freiberufler. Nur die wenigsten sind bei einem Stall fest angestellt. Neben einem kleinen Antrittsgeld leben sie von Preisgeldern. Zwischen fünf und maximal zehn Prozent gibt es vom Preisgeld des Pferdes. Da es in den allermeisten Rennen nicht mehr als 4000 Euro für einen Sieg und 400 für einen vierten Platz gibt, wird man damit nicht zwingend reich. Schließlich gewinnen selbst Spitzenjockeys selten in ihrem Leben ein Rennen wie den „Prix de l’Arc de Triomphe“; Starke gelang das 2011 mit Danedream und strich ein Preisgeld von 2,285 Millionen Euro für seinen Stall ein. Selbst fünf Prozent davon sind noch eine ordentliche Summe. Doch der Alltag eines durchschnittlichen Jockeys sieht anders aus, schließlich fallen auch erhebliche Kosten an, vor allem Benzingeld. „Pro Jahr bin ich fast 70.000 Kilometer unterwegs“, erzählt Hellyn, „alle drei Jahre brauche ich ein neues Auto.“ Da er sich auch selbst managt, „sitze ich unter der Woche täglich vor dem Computer und am Telefon, um mir passende Ritte auszusuchen und mit Trainern zu telefonieren“.

Im Nachbarzimmer wird es unterdessen laut und fröhlich. Dort sind die Jocketten untergebracht, rund 25 Prozent der Rennreiter sind mittlerweile weiblich. Der Galoppsport ist eine der ganz wenigen Sportarten, in denen Frauen und Männer gegeneinander antreten. Rebecca Danz hat gleich doppelten Grund in Frankfurt zu feiern: Der Sieg im fünften Rennen war zugleich ihr letzter Ritt des Tages: „Erst einen Sekt - und dann endlich was essen.“

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