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Jobwunder Im gelobten Land

 ·  In Deutschland gibt es noch Jobs: Das hören junge Leute in Spanien und ziehen um. Nach Hessen zum Beispiel.

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Angela Merkel ist schuld, irgendwie. Und nun sitzt der Spanier Pablo Ros Leranoz in seinem Wohngemeinschaftszimmer in Wiesbaden. Und fühlt sich ein Dreivierteljahr nach seiner Ankunft noch immer wie von den Ereignissen überrollt. Anfang vergangenen Jahres besuchte die deutsche Bundeskanzlerin Madrid. Sie erklärte den Spaniern die Welt, und dass die in Deutschland noch in Ordnung sei. Die spanischen Zeitungen schrieben, dass in Deutschland nach Arbeitskräften von der Iberischen Halbinsel gesucht werde. Und veröffentlichen seitdem fast jede Woche Geschichten von Leuten, die auszogen, um ihr Glück zu finden: „Pack dich nach Deutschland, Ingenieur Pepe“, heißt so ein Artikel. Oder auch: „Im Schnellgang Deutsch lernen.“ Dass in Deutschland zu leben gar nicht so einfach ist, weiß auch Pablo. Aber es ist möglich für ihn, anders als in seiner Heimat.

Amazon ist schuld, irgendwie. Und nun sitzt die Spanierin Esperanza Costa Guillot in Kelkheim an ihrem Arbeitsplatz bei einem international tätigen Werkzeugmacher. Ein Zufall hat die Bauingenieurin hierher geführt: zunächst der Gelegenheitsjob bei dem Versandhändler Amazon und insgesamt viel Glück, denn in Spanien hat sie vergeblich einen Job gesucht, irgendeinen. „Ich war verzweifelt“, sagt sie. Pablo und Esperanza sind so etwas wie die Nachfolger der ersten Gastarbeiter, gehören zu einer ganzen Generation von Arbeitsemigranten.

„Es ist ein Desaster“, sagt Pablo, ein 25 Jahre alter Elektroingenieur, wenn er über Spanien spricht. Zu sagen, dass die Arbeitslosigkeit dort hoch ist, trifft es nicht, sie ist irrwitzig. Laut offiziellen Statistiken liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 52,1 Prozent. Jeder zweite ohne Arbeit klingt schlimm genug. Wenn Pablo erzählt, klingt es schlimmer. Vollzeitstellen gibt es so gut wie keine, von halben kann man kaum leben. Viele junge Akademiker haben Jobs als sobrecualificados, sind also überqualifiziert. „Ich kenne einen Anwalt, der in einer Bäckerei arbeitet“, sagt Pablo, aus dem die Geschichten nur so heraussprudeln, von kellnernden Ingenieuren und Ärzten ohne Anstellung.

Pablo ist einer von etwa 22.000 Spaniern, die nach Angaben des in Frankfurt ansässigen spanischen Generalkonsulats in Hessen leben, das ist jeder fünfte der etwa 110.000 Spanier in Deutschland. In Frankfurt wohnen mehr als 5000. Wie viele es genau sind, ist schwer zu ermitteln. Nicht alle melden sich im Konsulat oder Einwohnermeldeamt an. In den vergangenen Jahren gingen immer mehr Gastarbeiter der ersten Generation in Rente, viele kehrten in die Heimat zurück. Aber schon seit 2008 steigt die Zahl der Spanier in Deutschland, während der Rückzug der Älteren anhält. Das Land Hessen will nun speziell für Spanier virtuelle „Welcome Center“ einrichten. Und die Arbeitsagenturen verzeichneten im ersten Halbjahr 2012 einen Zuwachs von 6,3 Prozent bei Arbeitssuchenden „aus den südlichen Ländern“.

Was sollte ich denn machen? Ich musste gehen

Die jungen Spanier, die in Deutschland leben, unterscheiden sich von den Zuwanderern der sechziger und siebziger Jahre, schon deshalb, weil die meisten gut ausgebildet sind. Viele haben studiert, aber geradedezu ins Nichts hinein. „Was sollte ich denn machen? Ich musste gehen“, sagt die 26 Jahre alte Esperanza. Das Ausland ist ihr Ausweg aus der Aussichtslosigkeit. Weil die meisten Spanier auf Englisch wenn schon nicht brillieren, sich aber wenigstens verständigen können, ist Großbritannien oft die erste Wahl der Ausreisewilligen. „Aber dort sind schon so viele von uns“, sagt Esperanza, und Arbeit gebe es dort auch nicht.

Also Deutschland. Pablo und Esperanza sprechen das spanische Wort dafür, „Alemania“, geradezu inbrünstig aus, wie einen Inbegriff wirtschaftlichen Erfolgs. „Hier gibt es Jobs“, sagen beide. Pablo hätte auch nach Berlin gehen können, entschied sich aber für den Praktikumsplatz in Wiesbaden, den er über die Internetseite der deutschen Arbeitsagentur fand. Nun installiert der aus Cartagena stammende Mann Flachbildschirme in ganz Europa. Und dank des Flughafens Frankfurt ist auch der Heimweg kurz.

„Wir haben aber keine andere Wahl. Sie zwingen uns zu gehen“

„Ich musste meine Familie und Freunde zurücklassen“, sagt Esperanza und dass es ihr in Hessen gut gefalle, auch weil hier viele Spanisch sprächen. Esperanza sagt, sie lebe, so wie es nun einmal gekommen ist, gerne in Deutschland, aber sie will nicht in Deutschland leben müssen. „Wir haben aber keine andere Wahl. Sie zwingen uns zu gehen“, sagt sie. Die meisten Spanier, sagt Pablo, sähen wie er die Schuld an der Misere bei der Politik. „Die sind doch alle korrupt“, es werde nur noch gespart und gekürzt. Er sagt „cortar“, das heißt auch schneiden. Aber hier, in Deutschland, da sei es anders. Da werde noch investiert.

Sollen sie nur kommen: Hessen hat die Spanier für sich entdeckt. Die Industrie- und Handelskammern beklagen das Fehlen von bis zu 150.000 fehlenden Fachkräften hierzulande. Der hessische Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) hat unlängst Madrid besucht, um mögliche Kooperationen auszuloten. „Spanien ist der Pilotfall“, sagt ein Sprecher des hessischen Wirtschaftsministeriums. „Nach Spanien gibt es schon gute Verbindungen. Wir werden sehen, wie wir sie nutzen können.“ Hessen werde wohl bald ein Abkommen unterzeichnen, um gerade jungen Spaniern den Schritt nach Deutschland zu erleichtern. In Planung ist auch eine regelrechte Werbe-Reise des Landes in Spanien. „Wir brauchen vor allem in den Naturwissenschaften und im Pflegebereich Kräfte“, sagt der Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Und Hessen ist nicht das einzige Land, dass die Iberer für sich entdeckt hat. Baden-Württemberg etwa wirbt gezielt Ärzte und Pflegepersonal in Spanien an.

„Wir brauchen spanische Ingenieure“

Den Fachkräftemangel in Deutschland, den manche immer noch für eine Schimäre halten, spüren etliche Firmen sehr deutlich, zum Beispiel die Rücker AG in Wiesbaden. „Der Markt ist leergefegt“, sagt Geschäftsführer Thomas Aukamm. Seine Firma sucht hauptsächlich Entwicklungsingenieure aus der Automobilbranche, und die gebe es in Deutschland nicht. „Die Spanier sind gut ausgebildet“, meint Aukamm. Sie hätten Erfahrung in der Automobilindustrie, anders als etwa Griechen oder Portugiesen. „Wir brauchen spanische Ingenieure.“

In Spanien lancierte das Wiesbadener Unternehmen eine große Werbekampagne, die auch die Medien aufgriffen. 9000 Bewerbungen bekam die Firma, aber nicht die richtigen, woran ein Übersetzungsfehler schuld war: Gesucht waren Elektroingenieure, beworben haben sich Bauingenieure und Architekten. Für die gibt es aber auch hierzulande so gut wie keinen Markt.

„Es gab an meiner Uni nur einen einzigen Deutschkurs, da saßen wir zu acht“

Diese Erfahrung musste auch Bauingenieurin Esperanza machen. Zwei Monate arbeitete sie im vergangenen Jahr während des Weihnachtsgeschäfts bei Amazon in Bad Hersfeld. Sie verschickte Pakete und abends ihren Lebenslauf an Unternehmen. Ohne Erfolg zunächst, bis ein Bekannter sie anrief und von einer Stelle erzählte, von der er wisse. Und weil sie ohnehin in Deutschland war, ging sie sofort hin zum Vorstellungsgespräch bei der mittelständischen Firma Rothenberger in Kelkheim. Zwei Monate später arbeitete sie schon als Administrator Market Services International und als Projektmanagerin.

Es könnte alles so einfach sein. Spanier wollen nach Deutschland kommen und sie sollen es, und dank der in der Europäischen Union herrschenden Freizügigkeit dürfen sie es ohnehin. Die größte Hürde ist die Sprache: „Uns Spaniern fehlen die Sprachkenntnisse“, meint Esperanza, die nach einem Neunstundentag abends in Intensivkursen Deutsch paukt. „Es gab an meiner Uni nur einen einzigen Deutschkurs, da saßen wir zu acht“, erzählt Pablo. Er hat schon vor der Krise Deutsch gelernt, studierte sogar ein Jahr in Bremen. „Damals haben mich deswegen daheim alle komisch angesehen“, sagt er. Das hat sich geändert: Deutsch boomt, die Goethe-Institute in Madrid und Barcelona verzeichnen einen Interessenzuwachs an ihren Kursen, ein Mitarbeiter in Madrid spricht von rund 40 Prozent.

Firmen, die Spanier nach Deutschland vermitteln, schießen derzeit aus dem Boden wie die sprichwörtlichen Pilze. Etwa das Unternehmen „Gateway2Germany“, in Niedernhausen, das die Spanierin Susana Calvo Redondo im Januar gegründet hat. Calvos Job ist nicht einfach, denn viele Firmen stellten nur ungern Spanier ein, auch wenn sie qualifiziert sind, glaubt sie. Aukamm bestätigt das: „Die Industrie zeigt noch Widerstand gegen Menschen mit Migrationshintergrund.“ Von spanischer Seite wird sie dagegen regelrecht überrannt. „Jeden Tag bekomme ich drei bis vier Anfragen von Ingenieuren, die vermittelt werden wollen“, sagt Calvo. „Viele bewerben sich auch auf Jobs, die nicht zu ihnen passen, weil sie verzweifelt sind“, fügt sie hinzu, „Deutschland ist ihre einzige Chance.“

Manche scheitern nicht nur an der Sprache. „In Spanien gibt es kaum Praktika“, sagt Calvo. Viele Absolventen frisch von der Universität hätten einfach keine Arbeitserfahrung. Jetzt erst setze sich die Erkenntnis durch, dass Praktika gar nicht so schlecht seien. „Als ich mit dem Studium anfing, war so etwas nicht üblich“, bestätigt Pablo. Deshalb macht er hier auch ein Praktikum in Wiesbaden. Für alles müsse man ja mittlerweile Arbeitserfahrung vorweisen.

„Hier arbeiten die Leute so effizient“

Nicht alle wollen hierher. Deutschland gilt als kalt, und die Menschen gelten als hart arbeitend. „Hier darf man nicht so viele Kaffeepausen machen wie in Spanien“, sagt Calvo. Sie erkläre den Bewerbern immer, dass das Wetter gar nicht so schlecht sei. Und manchen gefällt vermeintlich Abschreckendes: „Hier arbeiten die Leute so effizient“, meint Esperanza. Aber das liege wohl nicht allen, setzt sie hinzu. Pablo wiederum erzählt, dass er, der einzige Spanier in der Firma, immer der Erste im Büro sei. Die Deutschen kämen immer etwas zu spät.

Obwohl es ihr hier gefällt - Esperanza würde gern zurück in ihre Heimat. „Da lebt meine ganze Familie, da sind meine Freunde.“ Aber solange es dort keine Zukunft für sie gebe, wird sie hier bleiben. Ihr Partner ist mit ihr nach Deutschland gezogen. Wenn er sein Masterstudium beendet hat, will er sich einen Job in Frankfurt suchen. Pablo lacht, wenn er an seine Zukunft denkt. Er will gar nicht zurück nach Cartagena. „Also die nächsten zehn Jahre, da bleibe ich auf alle Fälle hier“, sagt er. „Ich sage allen meinen Freunden, dass sie herkommen sollen.“

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Von Matthias Alexander

Wenn das kein Grund zur Freude ist: Die Eintracht beendet die Saison auf dem sechsten Platz, der FSV Frankfurt geht eine Spielklasse tiefer sogar als Vierter durchs Ziel. Das ist ein schöner Imagegewinn für die Sportstadt Frankfurt. Mehr 1 2