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Joachim Unseld Gedanken auf der Trainerbank

 ·  Bücher zu machen wird schwieriger, sagt Joachim Unseld. Die von ihm geführte Frankfurter Verlagsanstalt wurde vor 25 Jahren gegründet.

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Von den Schriftstellerfotografien, die Joachim Unseld in den siebziger Jahren gemacht hat, lässt er im Augenblick in Paris Abzüge anfertigen. Seine eigene Aufmerksamkeit gilt drei Wochen vor der Frankfurter Buchmesse den Autoren seines Verlags. 25 Jahre besteht die Frankfurter Verlagsanstalt in diesem Jahr, seit 1994 ist Unseld dabei. Geführt hat er den Verlag zuerst vom Schreibtisch in seinem Frankfurter Zuhause aus, dann in Sachsenhausen, danach an der Bockenheimer Warte, seit einiger Zeit werden neue Romane von Bodo Kirchhoff und Ernst-Wilhelm Händler von der Arndtstraße im Frankfurter Westend aus verlegt.

Indem Unseld das Jubiläum des Verlags in dessen Herbstprogramm anzeigt, erinnert er auch an die ersten Jahre des Unternehmens, dessen Gründung am 30. Januar 1987 im Handelsregister bekanntgegeben wurde. Gedacht hatten sich Klaus und Ida Schöffling, heute Leiter von Schöffling & Co. an der Frankfurter Kaiserstraße, den Verlag als Wiederbelebung eines traditionsreichen Frankfurter Hauses, das zwischen den Weltkriegen von einer jüdischen Familie geschaffen, dann arisiert und nach dem Krieg von Eugen Kogon mit einem angesehenen Programm neu gegründet worden war. Nachdem die Schöfflings und ihre Autoren sich 1992 mit dem Teilhaber Henner Löffler zerstritten und den Verlag verlassen hatten, übernahm Unseld die Mehrheit am Unternehmen, das er 2002 vollständig erwarb.

„Das Risiko ist heute das literarische Verlegen an sich“

Seitdem ist das Verlagsgeschäft nicht einfacher geworden. „Das Risiko ist heute das literarische Verlegen an sich“, sagt Unseld, der die Entwicklung der Branche als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Publikumsverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels lange genau beobachtet hat. Jetzt hat er den Vorsitz niedergelegt. „Sieben Jahre sind genug.“ Digitalisierung, Preisgestaltung - alte Kalkulationen gehen nicht mehr auf, trotz monatlich steigender Verkaufszahlen für elektronische Bücher auf dem deutschen Markt. E-Books aber verkaufen sich nur dann, wenn sie billiger sind als gedruckte Ausgaben, deren Preise aus Unselds Sicht zu lange nicht mehr angehoben wurden und die Kosten des Buchmachens nicht mehr wiedergeben. „Wenn ich 50 Prozent weniger Hardcover verkaufe und 50 Prozent mehr E-Books, habe ich trotzdem weniger Umsatz als bisher.“

Groß gefeiert wird der Geburtstag des Verlages mitten im Branchenumbruch daher nicht, höchstens mit der Veröffentlichung des neuen Romans von Bodo Kirchhoff. Mit ihm arbeitet Unseld seit 1990 zusammen, als beide, noch bei Suhrkamp, Kirchhoffs Bestseller „Infanta“ machten. Auch vom neuen Titel des Autors, „Die Liebe in groben Zügen“, verspricht Unseld sich viel. Die 30.000 Exemplare der vor zwei Wochen erschienenen Startauflage hatte der Buchhandel Mitte dieser Woche vollständig geordert, einige Exemplare der zweiten Auflage hatten es gerade noch rechtzeitig zur Buchpremiere ins Literaturhaus Frankfurt geschafft.

„Es hat seinen Reiz, im Unbekannten das Gute herauszufinden“

Neben anderen alten Autorenfreunden, deren aus dem Ausland eingekaufte Titel seit langem zum Programm gehören (Jean-Philippe Toussaint, Quim Monzó), hat Unseld von Anfang an darauf gesetzt, junge deutschsprachige Autoren erfolgreich zu machen. Das war bei Zoë Jenny so, deren erstes Buch, „Das Blütenstaubzimmer“, sich 1997 mehr als 500.000 Mal verkaufte, oder bei „Stadt Land Fluss“, mit dem Christoph Peters dem Verlag zwei Jahre danach gleich den zweiten von bislang fünf Aspekte-Preisen für das beste Romandebüt des jeweiligen Jahres einbrachte.

Wer junge Autoren fördert, kennt sich auch mit ihrer Abwanderung aus. Zuletzt ging neben Nora Bossong, die zu Hanser wechselte, auch Thomas von Steinaecker, der es 2007 mit seinem Debüt „Wallner beginnt zu fliegen“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte und danach noch einen weiteren Titel bei Unseld machte. Seit diesem Jahr veröffentlicht er bei S. Fischer. Bedauert Unseld es nicht, Autoren einen Einstieg in den Betrieb zu geben, nur um sie gehen zu sehen? „Leider wird im literarischen Betrieb Aufbauarbeit nicht so bezahlt wie im Fußball, wo man Ablösesummen bekommt“, sagt er. Kleine Verlage seien die Scouts der Branche. „Es hat seinen Reiz, im Unbekannten das Gute herauszufinden.“ Also lässt er seine Talente zu anderen Vereinen der literarischen Bundesliga ziehen und macht weiter. Zum Herbstprogramm der Verlagsanstalt gehören „Die Schüchternheit der Pflaume“, das Debüt der 1981 geborenen Fee Katrin Kanzler, und „Was verborgen bleibt“, das erste Buch der Frankfurterin Britta Boerdner.

Zum ersten Mal trägt in diesem Jahr aber auch ein Buch den Nachnamen des Verlegers, der am Donnerstag 59 Jahre alt wird. „Myth and Truth“, ein Künstlerbuch des Frankfurter Städelschülers Florian Heinke, hat er in der Unseld Verlag KG herausgebracht, die er 1992, ein Jahr nach seinem Ausscheiden bei Suhrkamp, gegründet hat. Aus der Selbstbehauptungsgeste nach dem schweren Zerwürfnis mit seinem Vater Siegfried hat er damals aus Rücksichtnahme nichts gemacht. Jetzt, wo das bis vor zwei Jahren einige Westendstraßen weiter angesiedelte Suhrkamp-Drama nach Berlin gezogen ist und Unseld sämtliche Geschäftsanteile verkauft hat, scheint er sich die Spielerei erlauben zu wollen. Umbrüche haben eben auch ihr Gutes. Vom Buch auf Papier allerdings ist Unseld auch weiterhin überzeugt: „Es ist das ausgereifteste technische Produkt der Menschheit.“ Auch wenn er Manuskripte mittlerweile auf dem iPad liest.

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Jahrgang 1972, Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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