Keine Spur von der Straße. Die graumelierte Wand in Jim Raketes Fotostudio schirmt das Elend ab, aus dem Oli, Jenny, Alex, Pinky oder JJ kommen. Wo schon Nena,Til Schweiger, Nina Hagen, Die Ärzte oder die Berliner Philharmoniker posierten, hat der wohl prominenteste der Prominenten-Fotografen 27 heimatlose Berliner Jugendliche abgelichtet. Rakete überließ seine Aufnahmen dem Verein Karuna, der diesen jungen Menschen hilft, nicht noch weiter abzurutschen und vielleicht sogar in ein Leben ohne Armut, ohne Drogen und mit einem Zuhause zurückzufinden. Jetzt sind die Porträts im Museum Bensheim zu sehen. Zwischen dauerhaft präsentierten Exponaten zur Heimat- und Stadtgeschichte füllen die Bilder einen Raum, in dem sich Wechselschauen meist um unterschiedliche Lebenswirklichkeiten drehen. So ging es dort in der Vergangenheit unter anderem um die sechziger Jahre, Jugendkultur oder Skater. Für eine Retrospektive auf sein Werk sei der Ausstellungsort freilich zu klein, hatte Jim Rakete wohl scherzhaft auf die Anfrage von Kurator Christoph Breitwieser entgegnet, stattdessen aber vorgeschlagen, an der Bergstraße seine 2010 entstandene Reihe „wir & ich“ zu zeigen.
An den Fotos fällt auf, dass nicht viel auffällt. Zumindest nicht, dass es sich bei den jungen Männern und Frauen um Straßenkinder handelt. Ebenso gut könnten die auf Büttenpapier gedruckten Mittelformate Mitglieder von beliebten Jugendbands zeigen. Jedenfalls kann man in Zeiten, die kein Modediktat mehr kennen, beim Anblick von löchrigen Jeans, Tarnhosen, tätowierter und gepiercter Haut oder gefärbten Irokesenbürsten kaum mehr auf die soziale Herkunft schließen.
Nicht sozialkritisch
Das sicher ungewohnte Gefühl, auch einmal positiv aufzufallen, lässt die „Kids“ nun so selbstbewusst, offen, nicht selten heiter und beinahe zuversichtlich in die Kamera blicken, wie man sie sonst bestimmt nur selten erlebt. Dass jemand sie wichtig nimmt, verleitet sie aber nicht zu übertriebenen Posen. Im Gegenteil muten die Jugendlichen, wie Rakete sie sieht, oft an wie altmeisterliche Bildnisse. So sieht man den kahlköpfigen Alex im Dreiviertelprofil mit dynamisch erhobenem Kinn, zur klassischen Dreieckskomposition fügen sich Nicki und ihre beiden Schäferhunde Crazy und Leica, und Hubert wirkt im strengen Profil wie auf einem italienischen Renaissance-Gemälde. An Barockmalerei erinnert unterdessen das Spiel mancher Hunde. Zugleich werden diese oft einzigen richtigen Gefährten der Porträtierten zum Attribut, das sie noch am ehesten als Straßenkinder ausweist.
Die ungewöhnliche Umgebung scheint die Kurzzeit-Models weder beklommen noch übermütig zu machen. Nur Pinky unter einer riesigen Kapuze und Sascha, der uns den Rücken zudreht, wollen offenbar einstweilen nicht gesehen werden. Noch nicht einmal der schwarz vermummte Noel wirkt abweisend. Das verhindern seine charmanten dunklen Augen, aus denen er zwischen Mütze und Mundschutz hervorschaut. Auch Thomsons Gesichtszüge sind viel weicher als sein hartes Image, das ihm ein auf seinen kräftigen Oberarm tätowierter Totenkopf und ein „Kotzbrocken“-Aufnäher auf seiner Hose verleihen sollen.
Jim Rakete hat die Jugendlichen in Farbe aufgenommen. Von den Motiven bleibt gleichwohl ein fast schwarz-weißer Eindruck. Die Farbarmut indes ist nicht sozialkritisch gemeint. Viel eher transportiert sie die Zartheit und Behutsamkeit, mit denen sich der Fotograf seinen Modellen genähert hat. Darüber hinaus zeigt er sie so klar konturiert, so fein ausgeleuchtet, so „normal“ wie die Stars, mit denen er es sonst zu tun hat - als Individuen, die ihrem kalten Umfeld zumindest für die Dauer einer Foto-Session entkommen sind und während dieser Zeit dort auch ihre Geschichten zurückgelassen haben. Dass sie in Jim Raketes Studio niemand danach fragt, ist ihnen vielleicht sogar recht.