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Jeff Koons in Frankfurt Ein Gummidelphin aus Stahl

 ·  Jeff Koons ist in der Stadt: Frankfurter Schirn und Liebieghaus zeigen Werke des amerikanischen Starkünstlers.

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Die Kinder werden ihre Freude haben. Aber nicht die volle. Denn Anfassen dürfen sie das Schweinchen mit der neckischen Schleife, das niedliche Engelchen umstehen, ebenso wenig wie den metallisch funkelnden Seemann Popeye mit der geöffneten Spinatdose. Dabei juckt es auch die Erwachsenen in den Fingern. Gerade bei den von der Decke hängenden Gummiplanschtieren, die, obwohl prall aufgeblasen, doch ein paar Falten haben, die wohl erst bei ihrer Benutzung verschwänden. Aber der Schein trügt. Hier handelt es nicht um besonders farbenprächtige Ware aus dem kleinen Sommerfrische-Laden an der Ostsee. Delphin und Walross sind vielmehr aus hartem Stahl, mehrere Zentner schwer, dank der akribischen Bemalung von realen Schwimmhilfen aber nicht zu unterscheiden.

Unten bei der altasiatischen Kunst halten zwei Plastik-Hulks eine chinesische Glocke an einer Tragevorrichtung auf ihren Schultern. Der hier in zweifacher Ausfertigung auftretende Comic-Held ist in Wahrheit jedoch aus Bronze. Im gesamten Liebieghaus, Frankfurts Skulpturen-Museum am Sachsenhäuser Ufer, finden sich dieser Tage zwischen den antiken, mittelalterlichen, barocken und klassizistischen Plastiken Arbeiten, die mal überraschend gut ins Ambiente passen, mal einen scharfen Kontrast zu den Werken der Tradition bilden. Vor allem in den Räumen, in denen barocke Üppigkeit und Rokoko-Verschnörkelung den ästhetischen Ton angeben, fügen sich die immer strahlenden, allzeit glänzenden Neulinge prächtig ein.

Jeff Koons ist in der Stadt. Sie hält ob dieser Ehre kurz den Atem an. Schließlich ist Koons einer der ganz Großen des Betriebs. Er hat nach zwei Jahren Vorbereitung in wochenlanger Feinarbeit mit vielen Helfern eine Doppelausstellung in Frankfurt eingerichtet. Ins Liebieghaus hat er eigene Skulpturen eingeschleust. In der Schirn Kunsthalle sind von heute an Gemälde des 1955 geborenen Künstlers zu sehen, der einst mit Ilona Staller alias Cicciolina verheiratet war und gemeinsam mit der ehemaligen Pornodarstellerin und Politikerin eine Art lebendes Gesamtkunstwerk bildete - von dem der Amerikaner, der wie keiner den internationalen Kunstmarkt aufgemischt hat, zahlreiche Abbildungen in diversen Stellungen fabrizierte. Aus der Serie „Made in Heaven“, der saubersten Pornographie der Kunstwelt, sind in einem Séparee der Schirn einige Werke zu bewundern. Sie sind für Kinder eher nicht geeignet. Im Unterschied zu den anderen schreiend bunten Gemälden mit allen möglichen Kitsch- und Werbe- und Popkulturzitaten.

Immer gut gekleidet im Anzug

So hell und großzügig kam einem die Schirn selten vor. Es gibt dieses Mal kaum Zwischenwände. Und Großzügigkeit und Helligkeit seien ja auch wichtige Aspekte in Koons’ Werk, sagen die Chefdeuter, die mit ihm zusammen die Schau hier und im Liebieghaus erarbeitet haben. Das interpretatorische Fußvolk, das scharenweise angereist war, durfte gestern auch ein paar Worten des Meisters lauschen, um sie hinauszutragen auf den Kunstblättern und Kulturradiowellen.

Die wenigen Ausführungen des adrett gekämmten Herrn im Anzug waren in der Schirn und bei einer Kurzführung im Liebieghaus teils erleuchtend, teils kryptisch. So wurde der Zusammenhang zwischen Courbet, den Münchnerinnen und den Frankfurterinnen nicht wirklich deutlich. Aber allein schon die sonore Stimme mit dem ausgeprägten Kaugummiakzent wirkte beeindruckend. Und wer wollte der Aussage widersprechen, Kunst sei die Erforschung des Menschlichen. „Ich kümmere mich um den Betrachter, nicht um die Außenwelt“, sagte Koons. Und erzählte später, wieder einmal, vom Aschenbecher mit den sich bewegenden Frauenbeinen aus seiner Kindheit. Kitsch? Wer von Kitsch rede, fälle ein Urteil, hatte Koons in der Schirn gesagt. Und: „Ich glaube nicht an Urteile.“

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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