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Jazzfestival in Frankfurt : Cuba libre mit den Beatles

  • -Aktualisiert am

Blech und Getöse: Gemeinsam mit der hr-Bigband und der Gruppe Eggs Laid By Tigers hat Django Bates (Mitte) die Beatles neu interpretiert. Bild: Michael Kretzer

Die Sehnsucht nach faszinierendem Jazz. Und das im repräsentativsten Club Frankfurts: Das Deutsche Jazzfestival erobert mit „Sgt. Pepper’s“ die Alte Oper.

          Jazz und Charts: Das wird selten in einem Atemzug genannt. Wie auch, wenn Jazzmusiker den Begriff „kommerziell“ fürchten wie der Bandit die Polizeistation. Dabei gibt es auch im Jazz Bestseller, die es unter die fünfhundert ominösen „Greatest Albums of All Time“ geschafft haben, die die Zeitschrift „Rolling Stone“ vor einiger Zeit veröffentlicht hat: Miles Davis, John Coltrane oder Keith Jarrett etwa. An die „Fabelhaften Vier“ aus Liverpool aber reicht kein Meister des Off-Beats heran, nicht einmal einer von denen, die die Grundschläge des Metrums nie aus den Ohren verlieren und schon gar nicht aus den Händen geben.

          Das Deutsche Jazzfestival Frankfurt aber, das älteste Festival seiner Art weltweit und seit 1953 immer für Überraschungen, Wagnisse und außergewöhnliche Eigenproduktionen gut, hat sich nun gleich im Auftaktkonzert ein Mammutprojekt vorgenommen: die Nummer eins unter den Plattenalben, „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles, auf den Prüfstand seiner Jazz-Tauglichkeit zu stellen.

          Zwangsjacke forderte Original heraus

          Man muss den Mut respektieren, mit dem sich der englische Pianist und Arrangeur Django Bates daran gewagt hat, dieses hochkomplexe, mit musikalischem Witz, skurrilen Einfällen und versteckten Botschaften gespickte Pop-Wunderwerk auseinanderzunehmen und neu zusammenzufügen. Man muss auch die ästhetische Toleranz und die Professionalität der hr-Bigband als wesentlicher Interpret dieses Unternehmens loben. Das Arrangement aber und die zusätzliche Ausführung durch die Band „Eggs Laid By Tigers“ mit Bates als Leiter an den Keyboards und dem dänischen Sänger Martin Dahl war dann doch sehr gewöhnungsbedürftig, um das mindeste zu sagen.

          Vielleicht war es ein grundsätzlicher Fehler, das Beatles-Album als Konzeptkunst erhalten zu wollen und alle Stücke in der ursprünglichen Reihenfolge sozusagen popmäßig durchsingen zu lassen. Die Zwangsjacke forderte geradezu den Vergleich mit dem Original heraus, das dabei als K.-o.-Sieger schon in der ersten Runde hervorging. Schlechtere Gesangsintonation, grauenhafteren Instrumentalklang hat man lange nicht außerhalb des Punk-Milieus gehört, das ja gelegentlich die spieltechnische Inkompetenz zum Programm erhoben hat.

          Nicht versöhnlich, sondern begeistert

          Da versöhnte auch kaum, dass Martin Dahl wenigstens bei den Zugaben – „All You Need Is Love“ und „Penny Lane“ – seine Stimme wiederfand und im Laufe des Konzerts auch die Tontechniker den Klang verbesserten. Im Grunde aber standen sich auf der Bühne der Alten Oper zwei unversöhnte Ensembles gegenüber: die zum Effektlieferanten degradierte hr-Bigband und die mehr schlecht als recht sich am Beatles-Faden entlanghangelnde Band von Django Bates. Das anständige Publikum quittierte den Flop dennoch mit freundlichem Beifall und konnte immerhin auf den zweiten Teil des Abends hoffen.

          Die Sehnsucht nach faszinierendem Jazz wurde im Aufeinandertreffen des amerikanischen Tenorsaxophonisten Joe Lovano mit dem Pianisten Chucho Valdés und einer kubanischen Combo dann auf wunderbare Weise erfüllt. Valdés, Gründer der legendären Band Irakere, eines ästhetischen Kassibers im sozialrealistischen Kuba der Castro-Ära, ist ein mit allen Wassern afrokubanischer Rhythmik gewaschener Pianist. Perkussive Blockakkorde, flirrende Arabesken mit der rechten Hand, während die linke die klangvolle Melodie hält, tänzerische Wiegenschritte mit der phänomenalen Rhythmusgruppe – alles sprudelte nur so aus seinen Fingern. Joe Lovano fügte dem Ganzen noch einen unübertrefflichen Balladentonfall hinzu, wie man ihn im aktuellen Jazz nicht so leicht findet. Nochmals großer Applaus, nicht versöhnlich, sondern begeistert.

          Bis zum Sonntag geht das Jazzfestival weiter im Sendesaal des Hessischen Rundfunks und zum Abschluss im Mousonturm, unter anderem mit Hyperactive Kid und der lyrischen Pianistin Julia Hülsmann, mit dem literarischen Gast Bodo Kirchhoff, dem Miles-Davis-Bassisten Dave Holland und den Klangbastlern Matthew Bourne und Brandt/Brauer/Frick. Informationen zum Programm gibt es im unter www.jazzfestival.hr2-kultur.de.

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