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Jazz-Trio Das Kondensat : Für Pausen geht es ins Ausland

  • -Aktualisiert am

Das Kondensat: Eric Schaefer (links), Gebhard Ullmann (Mitte) und Oliver Potratz (rechts) Bild: Dovile Sermokas

Mehr Elektronik, bitte: Mit einem Konzert von Gebhard Ullmanns Trio Das Kondensat beginnt am Freitagabend das zweite Darmstädter Jazzfestival „Dazz“.

          Es ist ihm nicht anzusehen, aber Gebhard Ullmann hat vor wenigen Wochen seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Entsprechend lang ist die Liste an Formationen, Alben und transatlantischen Kooperationen, die er in gut drei Jahrzehnten initiiert hat. Dabei hat der Saxophonist, Klarinettist und Komponist stilistisch immer wieder Haken geschlagen und mit unkonventionellen Kombinationen überrascht. Das Ensemble Ta Lam vereinte bis zu zehn Holzbläser und einen Akkordeonisten, im Trio BassX3 spielten zwei Kontrabassisten an Ullmanns Seite, das rein auf Klarinetten konzentrierte Clarinet Trio ist bis heute aktiv. Verglichen damit scheint die Band Das Kondensat relativ traditionell besetzt. Das künstlerisch Besondere, dem der Individualist Ullmann stets auf der Spur ist, manifestiert sich hier im pointierten Einsatz von Elektronik. Und natürlich im detailscharfen und kraftvollen Spiel des Holzbläsers, der auch diverse Querflöten beherrscht.

          Die Idee, konventionelle Instrumente mit Effektgeräten und synthetischen Klangerzeugern zu kombinieren, reicht auch bei Ullmann weit zurück. „Anfang der Achtziger spielten wir in Hamburg punkigen Jazz mit Elektronik“, erzählt er: „Davor hatte ich ein Faible für britische Progressive-Rock-Bands.“ Seinerzeit verkabelte Ullmann ein Lyricon mit einem Oberheim-Synthesizer und näherte sich damit den musikalischen Verfahren der Pop-Avantgarde. Nach einer Zeit des Experimentierens legte er die Geräte wieder beiseite, konzentrierte sich fortan auf Nuancen akustischer Klänge und lotete Spielarten freier Improvisation und Mikrotonalität aus. Vor einigen Jahren hat er den Elektro-Gedanken wieder aufgenommen. Als Kernidee für Das Kondensat sieht er die Vorstellung, mit aktuellem elektro-akustischen Equipment, das einen schnellen Zugriff ermöglicht, spontan und flexibel zu improvisieren.

          Stilistisch ebenso vielseitig

          Seine Partner in diesem Trio sind zwar um einiges jünger, aber stilistisch ebenso vielseitig und mit diversen Preisen ausgezeichnet wie er. Der Bassist Oliver Potratz, Jahrgang 1973, spielt zeitgenössische und improvisierte Musik unter anderem an der Seite von Bobby McFerrin, Tomasz Stanko, Rolf Kühn, John Schröder und Christian Lillinger. In Frankfurt war Potratz zuletzt mit dem afghanisch-deutschen Projekt Safar zu sehen. Der Schlagzeuger Eric Schaefer, 1976 geboren, brilliert seit 15 Jahren als rhythmisches Rückgrat und Komponist in Michael Wollnys Trio, ehemals Trio Em, sowie in eigenen Bands, etwa Eric Schaefer & The Shredz. Potratz und Schaefer arbeiten seit 2003 in verschiedenen Konstellationen zusammen, Das Kondensat mit Gebhard Ullmann ist 2010 entstanden.

          „Wir haben unser Equipment mehrfach geändert und über längere Zeit gemeinsam einen spezifischen Sound entwickelt“, sagt Ullmann zum relativ späten Erscheinen des Debütalbums im vergangenen Oktober. Analoge und digitale Effektgeräte, Modular-Synthesizer und Looper setzen in manchen Stücken markante Akzente, bleiben in anderen zurückhaltend oder pausieren. Schon auf dem Album ist die Dynamik immens. Sie reicht von beinahe fragilen, atmosphärischen Passagen mit langen Schwebetönen und zum Teil gestrichenem Bass über Andeutungen von Minimalismus-, Dub- und afrikanischen Patterns bis hin zu robustem Rockjazz mit einer anarchischen Haltung, in denen Schaefer an seine jugendlichen Hardcore-Zeiten anzuknüpfen scheint.

          Dazu faucht Ullmann flirrende bis abstrakte Saxophonmodulationen sowie scharfkantig-rhythmische und geräuschhafte Phrasen. Bei filigranen Melodien nimmt sein Timbre eine elegant-warme Färbung an, die nächste rauhe Eruption scheint meist nicht weit entfernt. Bisweilen spielt er virtuell mit sich selbst, indem er vorher aufgenommene Samples abruft. Eins von ihnen klingt nach Posaune, ist aber auf einer Bassklarinette ohne Mundstück entstanden.

          Ullmann ist in einer musikalischen Familie in Bonn aufgewachsen. „Alle spielten nach Noten, aber ich wollte improvisieren“, erinnert er sich und lacht. Schon als Jugendlicher besuchte er Konzerte von Krzysztof Penderecki und das Jazzfestival Moers, hörte Krautrock und begegnete angehenden Rockstars wie Queen am Tresen. Nach dem Abitur studierte er zunächst in Hamburg, 1983 kam er nach Berlin. Hier etablierte er sich mit Talent und Engagement recht schnell als gefragter Profimusiker, Impulsgeber und Organisator. Heute, nach mehr als 50 Alben als Leader und Co-Leader auf deutschen und internationalen Labels, steckt Ullmann immer noch voller Tatendrang. „Wenn ich Pause machen will, muss ich zum Urlaub ins Ausland fahren“, sagt der passionierte Weltreisende und Kite-Sportler mit einem Grinsen. Auch sein Spiel ist so energiegeladen wie stets. „Es war immer mein Ziel, nicht zu überdrehen, um den Ausdruck in allen Nuancen zu vermitteln. Heute köchelt das Crescendo noch etwas länger.“

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