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Jazz-Pianistin Julia Kadel : Über die Tasten hinaus denken

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Am Klavier daheim: die Pianistin und Sängerin Julia Kadel Bild: Thomas Schlorke

An allen Orten kreativ: Die Jazz-Pianistin Julia Kadel hat auch schon nachts in den Verkaufsräumen eines Pianohauses komponiert.

          Als Julia Kadel anfing, den Jazz für sich zu entdecken, hatte sie schon rund sieben Jahre klassischen Klavierunterricht hinter sich. Im väterlichen Plattenschrank standen Aufnahmen von Jazz-Ikonen wie Nina Simone, Chet Baker, Miles Davis und Django Reinhardt, deren Musik das sonntägliche Familienfrühstück untermalte. Angeleitet von ihrer damaligen Lehrerin, begann Kadel mit 14 Jahren, auf dem Klavier zu improvisieren. Wenig später wechselte sie endgültig das Genre und nahm Unterricht in Jazz-Piano und -Gesang, Angespornt von dem Wunsch, „durch die Musik, die ich spiele, noch mehr berührt zu werden.“ Hinzu kam, erinnert sich Kadel, „die Suche nach einer Art Zuhause, wo man sein kann, wie man ist. Dieses Gefühl hatte ich beim freien Spielen.“

          Inzwischen ist Julia Kadel 31 Jahre alt, hat zwei Alben beim Plattenriesen Universal veröffentlicht und als Pianistin wie Komponistin einen eigenen Stil entwickelt. Auf ihrer jüngsten, 2016 erschienenen Trio-Platte „Über und unter“ steckt Kadel ein musikalisch und klanglich recht weites Feld ab. Lyrische Stimmungen, relativ offene Passagen und energiegeladene Expressionen wechseln sich ab, lautmalerische Abstraktionen, etwa durch direkte Griffe ins Innere des Flügels, werden live noch lustvoller und detailverliebter ausgespielt. Seit fünf Jahren besteht Kadels Trio mit Bassist Karl-Erik Enkelmann und Schlagzeuger Steffen Roth. Mit der Zeit habe sich ein intuitives Einverständnis entwickelt, obwohl alle sehr unterschiedliche Persönlichkeiten seien, konstatiert die Bandleaderin. „Unsere Zusammenarbeit ist ein stetiger Prozess und manchmal scheint mir, wir fangen gerade erst richtig an.“ Darüber hinaus gibt Kadel auch Solo-Konzerte und spielt im Duo mit Künstlern aus der zeitgenössischen Musik, etwa der Schweizer Pianistin Judith Wegmann oder den Cellisten Anil Eraslan und Thilo Thomas Krigar.

          „Danach empfand ich eine große Leere“

          Eine Karriere als Musikerin hatte Kadels zunächst gar nicht im Kopf. Stattdessen war sie überzeugt davon, „etwas Wissenschaftliches machen zu wollen.“ Drei Jahre studierte sie in ihrer Heimatstadt Berlin Psychologie, „danach empfand ich eine große Leere und wusste, dass ich unbedingt Klavier spielen muss.“ Sie schrieb sich an der Hochschule für Musik in Dresden ein und „schon am ersten Tag dort fühlte ich, daheim angekommen zu sein.“ Trotz des Umwegs über die Psychologie lässt Julia Kadel eine gewisse Zielstrebigkeit erkennen, sie bezeichnet diese aber anders. „Ich bin bei allem, was ich mache, passioniert. Das Leben ist kurz und ich möchte es mit Bedeutung und Intensität füllen.“ Dass sie bisweilen Hürden nehmen muss, ist Julia Kadel vertraut.

          Ab der fünften Klasse hatte sie von Kreuzberg aus einen weiten Weg zum Gymnasium zurückzulegen. „Sich mit Bus und Bahn zu verfahren, war nicht schön, hat mich aber selbständig gemacht.“ Seit ihrem Abschluss in Dresden wohnt sie wieder in Kreuzberg, von ihrem Flügel aus schaut sie aus dem Fenster auf Dächer, Baumkronen und den Himmel. Der urbane Raum als inspirierende Umgebung? „Ich kann an allen Orten kreativ sein, zumal ich mir die Bedingungen bislang selten aussuchen konnte“, antwortet Kadel lakonisch. Erst vor einem knappen Jahr bekam sie einen eigenen Flügel, davor sei es oft anstrengend gewesen, Möglichkeiten zum Arbeiten zu finden. So habe sie eine Zeit lang nachts im Bechstein-Verkaufsraum gespielt und komponiert. Zudem „laufe ich sowieso ständig mit einem Notizbuch herum, in dem ich nicht nur Noten, sondern auch Gedanken festhalte.“

          Angesprochen auf etwaige Veränderungen in den vergangenen Jahren freut sich Julia Kadel besonders darüber, Komposition und Improvisation immer mehr verschmolzen zu haben. „Das Klangspektrum wird erweitert und neues Vokabular entwickelt“, summiert sie die künstlerische Entwicklung. Wie viele Musiker und Tonsetzer schwanke sie dabei zwischen Selbstbewusstsein und dem eigenen Hinterfragen, sei sich aber über die Richtung klar. „Es ergibt keinen Sinn, etwas zu tun, was für mich keine Bedeutung hat. Deswegen wäre es richtig anstrengend für mich, Schlager zu spielen, auch wenn meine eigene Musik um einiges komplizierter ist.“

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